Kursthema: Wie ist das Sehsystem organisiert
und was können Organisatoren daraus lernen?




1. Sehen und Organisieren
1.2 Was heisst "Organisieren"?- ZAR
1.2 Das A von ZAR: Was ist Wirklichkeit?
1.3 Das R von ZAR: Der  "Kontext"
2. Definition von "Sehen"
3.. Das Neuron
3.1 Geschichtliches
3.2 Der Nervenimpuls bzw. das Aktionspotential



1. SEHEN UND ORGANISIEREN


1.1 Was heisst "Organisieren"?
Unser Thema  heisst: Was können Organisatoren vom Sehsystem lernen?
Es sind nicht nur Manager, die organisieren müssen. Jeder Mensch muss sich und seine Umgebung irgendwie einrichten.
Nur verdienen die meisten dabei keine Managerlöhne. Dennoch müssen wir das Leben irgendwie "managen".
Im Wort "Manager" steckt dasselbe Wort, wie im französischen "ménage" , Haushalt (vgl."eumanagement")
Wir alle sind also Manager, - und bekanntlich machen Hausfrauen ihren Job besser als Hausmänner.

Ist "Managen" gleichbedeutend mit "organisieren"? Und was heisst eigentlich Organisieren?
Organon
ist das griechische Wort für Instrument. Davon leitet sich auch Organ und Orgel ab.
Ein System  ist dann organisiert, wenn man es im Griff hat, wie ein Werkzeug oder Instrument.
Organisieren heisst also Instrumentalisieren. Das wirft natürlich brisante Fragen auf: 
Gemäss Kant ist es amoralisch, Menschen zu "instrumentalisieren".
Nach Kant sind also alle Manager unmoralisch...  ---   Bakunin als einziger Moralist?

Folgende Fragen tauchen in diesem Zusammenhang auf:

1.Was wird organisiert?
Gibt es gemeinsame Prinzipien beim Organisieren von
Staat, Wirtschaft, Handel, Verkehr, Privatleben (Haushalt, Familie)

2. Wie wird organisiert?
Staat: kommunistisch, liberal, aristokratisch...
Wirtschaft: Produktion (Taylorismus, Team)

3. Kann man sich selbst organisieren?
Systemtheorie, SOM (Self-organizing Maps)
Was ist das "Selbst"? -Wer organisiert da wen?

Ein System zu organisieren muss immer drei Stufen beinhalten: 
Z
ielsetzung,  Analye und Rückkoppelung:
Mit andern Worten: Soll etwas optimal organisiert werden, dann muss
1.
das Optimierungsziel bekannt sein (Qualität, Preis, Image usw.) und
2.
der Ist-Zustandmuss  richtig analysiert werden und
3. es muss ein Regelkreis eingerichtet werden, eine Rückmeldung, welche den Organisator über Erfolge und Misserfolge orientiert.
 
Als Elselsbrücke merken wir uns darum : ZAR
Nebenbei bemerkt: Peter der Grosse war ein ausgezeichneter Organisator (Schiffbau: Lehre in Holland; Armeeführung: Nordischer Krieg; Stdädtebau: Petersburg)

ZAR

Unter einem "System" wollen wir einen begrenzten Raum verstehen, in dem allerlei kausal geschieht, wobei es aber auch Einwirkungen auf das System von Aussen geben soll und Wirkungen nach Aussen. Unter einem "System" kann  man sich z.B. eine Fabrik vorstellen, die Glasflaschen produziert; die äusseren Einflüsse wären dann Kundenbestellungen, Anlieferung von Silikatsand, von Erdöl zur Feuerung usw. Zu den Wirkungen gehören dann die Auslieferung von Flaschen, die Bezahlung der Löhne an die Mitarbeiter, usw. :
Systemorg1
Wir werden sehr schnell sehen, dass jede effiziente Systemorganisation eine Selbstregulation aufweisen muss:
Systemorg2
Aber solche interne Regulation genügt eben nicht. Sonst gelangen wir rasch zum Konzept der "black box".
Es muss auch eine Rückkoppelung aus dem Umfeld geben (das R des ZAR):
Systemorg3

Was hat  nun aber das Sehsystem mit Organisation zu tun?

Auge

Wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass die beiden Augen zusammen 260 Mio Fotorezeptoren haben, der Mensch aber nur einen visuellen Eindruck von seiner Umgebung hat, dann fragt man sich, wie das Sehsystem die Verarbeitung dieser Informationsflut organisiert? Sie werden sehen, dass die Beantwortung dieser Frage lehrreich ist in Bezug auf die Organisation irgend eines beliebigen Systems:

DAS ZAR-Prinzip des Sehsystems:

Was bedeutet nun Organisieren für das Sehsystem? Es bedeutet entsprechen dem, was wir soeben gesagt haben:
1.
Ziel: Der Gesamtorganismus, dem das Sehsystem dient, soll rasch und richtig (der Selbsterhaltung förderlich) auf die Umwelt reagieren können.
2.
Analyse: Dazu muss das Sehsystem die Geometrie und Bewegung der Gegenstände in real time richtig beurteilen.
3. Rückkoppelung: Mit Rückkoppelung kann ein Feedback gemeint sein, der bei der Sehleistungen des Sehsystems wirksam ist, oder aber ein Feedback, der bei der Entwicklung des Sehsystems als solchem wirksam war. Die Ansichten betreffend Evolution gehen allerdings weit auseinander; die einen sind extreme Darwinisten, und am andern Ende stehen die Kreationisten (vgl. dazu  "Politik und Menschenbild").
   
Wenn ich nun im Folgenden die Arbeitsweise des Sehsystems darlege, werde ich nicht immer wieder auf jede mögliche Anwendung beim Organisieren hinweisen. Ich fände es aber sehr anregend, wenn Sie ganz spontan darauf hinweisen würden, falls Sie selber eine Analogie zu einem Managerproblem entdecken. Das Ziel dieses Kurses ist nicht, dass Sie zum Schluss möglichst viel über das Sehsystem wissen, sondern, dass Sie im Sehsystem die generellen Prinzipien erkennen, die für jede Systemorganisation gelten. 

1. Sehsystem und das Z des ZAR:
Der Gesamtorganismus, dem das Sehsystem dient, soll rasch und richtig (der Selbsterhaltung förderlich) auf die Umwelt reagieren können.
Ein  Tennis-Champion z.B. ist nur ein Tennis-Champion (Selbsterhaltungskriterium!) wenn er einen Anschlagball, der ihm mit über 200 km Geschwindigkeit entgegen kommt, zurückschlagen kann. Das Ziel des Champion-Sehsystems müsste also sein, Ort und Bewegung eines Anschlag-Tennisballs so rasch und korrekt zu erfassen, dass er erfolgreich zurückgeschlagen werden kann.

2. Sehsystem und Analyse

Sie sehen hier die Resultate eines sehr einfachen Experimentes: 

optische und akustische Reaktionszeit

Man hat die Reaktionszeit gemessen, einmal Reaktion auf einen Ton, einmal auf ein ein Lichtreiz.
Sie sehen, dass die Reaktionszeit auf  Töne kürzer ist als auf  Lichtreize. 
Bleiben wir beim Tennis-Champion: Bei einem Anschlagball mit über 200 km Geschwindigkeit ( Rekord Andy Roddick 249.4 km/h) kann man auf  Grund der Reaktionszeit des Sehsystems ausrechnen, dass dieses den Ball in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht korrekt lokalisieren kann.

Wie schafft es der Champion dennoch, den Ball erfolgreich zurück zu schlagen?
Man weiss, dass der Champion die akustische Zusatzinformationen nutzt; wenn der Spieler den Aufschlag nicht hört, wenn er mit Ohropax spielt, hat er  keine Chance, den Ball zu erwischen. -- Sie merken sofort, was ein Organisator daraus lernt: Wenn eine Informationsquelle ungenügend ist zur Analyse der Gegebenheiten, so müssen andere Informationsquellen erschlossen werden. Oder auch: ein Manager lernt daraus betreffend seine Firmenorganistation:  Wenn wegen eines Engpasses eine Auslieferung an den Kunden zu spät käme, dann muss der Engpass eben umgangen, d.h. ein "Outsourcing" organisiert werden, wie das neudeutsch so schön heisst.

Die richtige Einschätzung der realen Vorgaben, im gegebenen Fall die Geschwindigkeit des Tennisballs,  ist also etwas ganz Wichtiges, um geeignete organisatorische Massnahmen ergreifen zu können, in gegebenen Falls das Outsourcing. Nur ist es natürlich nicht das Sehsystem im engeren Sinne, welches diese organisatorische Massnahme anordnet; es ist auch nicht das Bewusstsein. Wer aber dann? Anfängertennisspieler setzen das Gehör nicht ein und haben keine Chance, einen Ball von Andy Roddick zu retournieren;  später dann als Champion setzen sie das Gehör unbewusst ein. Also liegt ein Lernprozess vor, wenn auch ein unbewusster, oder genauer gesagt, einer, der das  prozedurale Gedächtnis betrifft. Wir werden später noch über die verschiedenen Gedächtniskompartimente reden. Hier geht es mir nur darum, dass die richtige Einschätzung der Situation zur Optimierung der Organisation unerlässlich ist.

Nehmen wir an, ich möchte mich z.B. so organisieren, dass ich gleich viel Freizeit habe wie mein Nachbar, der wie ich, auch 40 Stunden pro Woche arbeitet, Sport betreibt und ins Kino geht, aber dennoch, im Gegensatz zu mir, stets Zeit findet, auch noch die neusten Bestseller zu lesen. Ich entdecke dann, dass er weniger lang den Rasen mäht, weil er eine Maschine hat. Also  kaufe ich mir für meine 20 m2 Rasen auch eine Maschine und reduziere damit das Rasenmähen von 60 Minutenauf 30 Minuten pro Monat. Was ich jedoch übersehe ist, dass mein Nachbar mit 6 Stunden Schlaf pro Tag auskommt, während ich 7 brauche, und dass dies der Grund ist, warum ich weniger zum Lesen komme. Der Kauf eines Rasenmähers hilft mir also nicht, das gestecke Ziel zu erreichen. Mein Versuch, meine Zeit besser zu organisieren, ist gescheitert, weil ich die Gesamtsituation falsch beurteilt habe.


CAFE WALL

Ein anderes Beispiel: Sie beauftragen einen Plättlileger, Plättli mit versetztem Muster zu verlegen, aber möglichst geradlinig. Der Mitarbeiter meldet "Auftrag erfüllt" und sie inspizieren seine Arbeit. Es wäre nun eine Fehleinschätzung der Situation, wenn sie einfach der Meldung ihres Sehsystems vertrauen und den Plättlileger entlassen würden. Das wäre ein typischer Managerfehler. Vielmehr sollten Sie den Fachmann, d.h. den Plättlileger fragen, ob die Plättli gerade verlegt sind, und er würde mit einer gespannten Schnur zeigen, dass es keine kürzere Verbindung von A nach B gibt als die Plättlifuge. Warum Ihr Sehsystem Ihnen eine Fehlmeldung zukommen lässt (und sogar auf dem Fehler beharrt), werden wir demnächst besprechen; um es zu verstehen, müssen wir aber zuerst ein bisschen lernen, wie das Sehsystem funktioniert. Vorläufig  möchte ich bloss darauf hinweisen, dass das Erkennen, sei es mit dem Sehsystem oder andern Sinnesorganen, und erst recht das Erkennen auf Grund von geistigen Informationen und Überlegungen,  philosophisch etwas sehr Schwieriges ist. Wie man von der Sinneswahrnehmung zu irgend einer Erkenntnis gelangt hat nämlich viel mit Philosophie zu tun, vor allem mit dem sogenannten Leib-Seele-Problem.

Sie haben vermutlich nicht erwartet, dass man in einem Kurs über Sehen und Organisierenso schnell  ins Philosophieren abrutscht. Ich meine natürlich echtes Philosophieren, nicht jenes, das man missbräuchlich so nennt, wenn z.B. ein Weinkenner behauptet, Weinliebhaber zu sein, sei eine "ganze Philosophie", oder wenn jemand von einer "Geschäftsphilosophie" spricht. Philosophie hat nicht viel mit Geschäftstüchtigkeit oder Geld zu tun. Philosophie (d.h.übersetzt "Weisheitsliebe")  hat eher zu tun mit  Erfahrung.  Erfahrung  wiederum besteht immer darin, das Erfahrene kritisch zu interpretieren, d.h. die Zusammenhänge der Erfahrungen zu erkennen. Wenn wir meinen, etwas in seinen Zusammenhängen zu verstehen, dann sprechen wir von "Erkenntnis". Das kritische Hinterfragen unserer vermeintlichen Erkenntnisse zeigt aber meistens, dass es nicht sehr weit her ist mit unserem Erkennen. Das hat Sokrates bekanntlich dazu gebracht zu sagen: Das einzige, was ich weiss, ist, dass ich nichts weiss. Dem Menschen im Alltag  kommt der Ausspruch etwas skurril vor; Aristoteles hielt ihn sogar für ironisch (Popper). Aber er war sicher nicht ironisch gemeint. (weiter)

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