Patrick Roth: Sunrise

Sunrise gehört zu den Büchern, die erst beim zweiten oder dritten Lesedurchgang preisgeben, was der Autor mitteilen will; oder genauer: vermutlich mitteilen will. Sunrise, mit dem biblisch klingenden Untertitel Das Buch Joseph, ist tatsächlich eine bibelartige Erzählung, deren Studium immer wieder neue Metapherschichten enthüllt. Allerdings bestehen wesentliche Unterschiede zwischen der Bibel und Sunrise. Während in der über Jahrhunderte entstandenen Bibel Pointen und Überraschungen nicht gewollt aufgebaut wurden, ist der Autor von Sunrise offensichtlich, und vielleicht zu sehr, auf dramatische Wirkung erpicht; die Identität mancher Personen bleibt bis zum Schluss verschleiert, um dann, in der Art von Krimis, auf den letzten Seiten effekthascherisch enthüllt zu werden; dies aber (und darum sagte ich «zu sehr») beeinträchtigt das Erkennen des Tiefsinns bei der ersten Lesung.

Ich möchte hier den Plot der poetischen Rätselgeschichte Sunrise als prosaische Zusammen­fassung wiedergeben und die Protagonisten schon beim ersten Auftritt «beim Namen nennen», also ihre Name angeben und deren allegorische oder historische Bedeutung klären. Zwar entfällt dann der für Krimis typische Schlussreiz der «Auflösung», dafür lassen sich die Zusammenhänge leichter darstellen. Reine Inhaltsangaben schreibe ich mit schwarzer Schrift, meine Kommentare und Deutungsversuche in blauer. Leser, die Sunrise schon gut kennen, können also die schwarzen Textteile überspringen. Zitate werden kursiv gesetzt und, wenn sie aus Sunrise stammen und mehrzeilig sind, eingerückt. Fettdruck weist auf Dinge oder Umstände hin, die in Sunrise wiederkehrend eine Rolle spielen. Sunrise ist gegliedert in sechs Bücher und 112 Kapitel.




1. BUCH: DER TRÄGER

Vier junge Christen, Balthazar, Monoimos Simeon und Alexamenos, schleichen sich während Jerusalems Belagerung 70 n. Chr. an die Stadt heran. Jerusalem, wenn es mit dem Adjektiv «himmlisch» versehen wird (das himmlische Jerusalem), ist bekanntes Metapher für das Paradies. Es ist von den Römern, die als Metapher für den weltlich gesinnten Machtmenschen herhalten können, umlagert und hermetisch abgeschlossen. Das bedeutet: Das Weltliche, Machtlüsterne verhindert den Zugang zum Paradiesischen.

Die vier jungen Christen wollen in die Stadt gelangen, um das Grab Jesu vor der Zerstörung zu bewahren, falls die Römer die Stadt schleifen. Sie wurden von einer jenseits des Jordan (d. h. nicht mehr im Jüdischen) sich aufhaltenden Christengemeinde ausgesandt, weil der Älteste der Gemeinde es für sehr bedeutsam hielt, dass das Grab, in dem Jesus zwei Tage gelegen hat, als Gedenkstätte und Zeuge erhalten bleibt. Schon hier – was allerdings erst nach Abschluss der Lektüre von Sunrise klar wird – wird ein Gedanke «angedacht», der im 6. Buch weiter entwickelt wird: Braucht ein lebendiger Glauben historische Orte, uralte Dokumente, Reliquien, Märtyrer als Zeugen? Auf S.380 sagt Neith, die Erzählerin der Josephsgeschichte, betreffend religiöse Wahrheiten: «Nicht wissen sollt ihr's, ihr sollt es erfahren. Denn ihr wisst es bereits, aber ohne Erfahrung.» Und auf S.459: «Flieht die Bestätiger!» Der Umstand, dass Sunrise zum allergrößten Teil als Rahmenerzählung daherkommt, ist hier also nicht lediglich eine literarische Kunstform, sondern hat schon per se Bedeutung.

Der Weg hinein nach Jerusalem führt durch ekelerregende Leichenfelder und stinkende Opferreste im Kidrontal. Der Älteste, der den jungen Christen Auftrag gab, in Jerusalem das Grab Jesu zu sichern, sprach von gewissen Steinen an der Stadtmauer (Metapher für christlich-ethische Gesetze?), die etwas vorspringen und Halt genug geben, hinaufzuklettern (um ins himmlische Jerusalem zu gelangen). Damit sie nicht von den römischen Bogenschützen abgeschossen werden, verharren die Beauftragten zwei Nächte wie tot («wie tot» und dann «Auferstehung» am dritten Tag kommt im Buch repetitiv vor, sodass die Frage auftaucht, ob der Autor damit die Singularität der Auferstehung relativieren und sie auf die Ebene «innerer Erfahrungen» heben beziehungsweise senken will).

Das Erklimmen der Stadtmauer gelingt ihnen erst, als wieder mal ein Toter aus der Stadt an Seilen heruntergelassen wird (Tote, die aus dem himmlischen Jerusalem in die böse Welt heruntergelassen werden, können als Metapher für Märtyrer verstanden werden). An den Seilen ziehen sich die jungen Christen hinauf. Doch kaum oben auf der Mauer angelangt, werden Simeon und Alexamenos von Wächtern niedergemacht, die ander zwei flüchten in ein Haus. Dort bekommen sie Schutz bei einer Magd. Sie verfluchen das ekelerregende Kidrontal, wo sie sich an Überresten von Opfertieren verunreinigt haben. Der Bruder der Magd gibt ihnen neue Kleider. Die Magd aber sagt (S.18), das Verunreinigende sei Teil gewesen der Opfer, und ohne die Schlachtungsreste, hätte kein Opfern stattfinden können. (Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n.Chr. – er galt bei den Juden als der in 5. Mose 12,5 von Gott für Tieropfer bezeichnete Ort – konnten keine Tieropfer mehr stattfinden; vermutlich waren die Juden gar nicht so unglücklich darüber, weil die «unvermeidliche Verunreinigung» im Vergleich zur schon damals angezweifelten Versöhnungswirkung, zu schwer wog. Heute gibt es im Judentum nur noch Opfer im Sinne von Verzichtsopfer.)

Die Magd führt Balthazar und Monoimos zu Neith, einer alten Frau, die über das Grab Bescheid wisse. (Aus der weiteren Erzählung geht hervor, dass sie etwa 70-jährigen sein muss, also zur gleichen Zeit wie Jesus geboren wurde.). Sie erzählt Balthazar und Monoimos die Lebensgeschichte von Joseph:

Joseph hatte schon in einer ersten Ehe einen Sohn mit Namen Jesus (das erfährt man allerdings erst im Kap.14), verlor diesen aber in einem Sturm auf dem See, als er den Säugling der Mutter überreichen wollte. Er sprang dem Kind nach ins Wasser und tauchte bis tief auf den Meeresgrund, und weiter bis zum Meer unter dem Meer. (Das «Meer unter dem Meer» kann als Urgrund und Urgeist Gottes aufgefasst werden). Da wusste Joseph – wie man oft auch in Träumen grundlos etwas «weiß» – dass das Kind aufgenommen war von dem Baumstamm, den er im «Meer unter dem Meer» sah. Vielleicht kann dieser Baum als «Baum der Erkenntnis» gelten, in dem symbolhaft Gottes Weisheit (Gottes Wort, Jesus) steckt; Gottes Wort wird später (Im 2. Buch «Die Pilger») «das verlorene und wiedergefundene Buch» genannt. Es ist nach christlichem Glauben in Jesus Christus «Fleisch geworden».

Der tauchende Joseph aber vermochte das Kind nicht aus dem Baumstamm zu nehmen. Ein Jahr später starb auch die Mutter vor Gram und Joseph zog nach Nazareth, wo er Verwandtschaft hatte. Da sah er eines Tages unweit von Nazareth Maria, wie sie auf ihrem blauen, sternenbestickten Tuch bewusstlos lag. Sie war in eine ausgetrocknete Zisterne eingebrochen und hatte den Fuß verstaucht. Er konnte sie wecken, musste sie aber ins Dorf zurück tragen (S.33):

Als sie wach wurde (…) wusste er schon. Was wusste er? Denn er hielt. Aber nicht um zu fragen, wohin er nun gehen solle und wo das Haus ihrer Eltern stehe. Denn das wusste er längst, als er hielt. Nein, er hielt an im Moment, da er wusste: Anhalten will ich um sie, die mir traut und die ich gerne getragen (...)

Das Zitat gibt ein gutes Beispiel von Roths Schreibstil: «anhalten» und «um die Hand anhalten» werden «parallelisiert»; ebenso: Er will mit der «die ihm traut» vertraut, getraut werden.

Eines Tages geht Joseph von Sepphoris (damals die größte Stadt in Galiläa, 8 km nordwestlich von Nazareth), wo er Zimmermannsarbeit geleistet hat, nach Hause. Auf dem Weg sieht er einen wundersamen, großen, farbigen Vogel mit Augenflügeln (Geist Gottes? Ps 17.8: «beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel) und geht diesem nach, bis er an die Mauer eines römischen Landguts gelangt. Er übersteigt die Mauer, um den Vogel, der sich in einem Baum hinter der Mauer niedergelassen hat, weiter zu bewundern. Nun sieht er aber etwas ganz Scheußliches: Da hängt blutig geschlagen und halb tot ein Ägypter-Sklave gefesselt am Baum. Joseph sitzt im Baum und sieht, wie zwischen den Büschen ein Aufseher erscheint und den Sklaven, der am Ende seiner Kräfte ist, erneut schlägt. Dann verschwindet der Aufseher im Haus. Da sieht Joseph eine Schlange in der Baumkrone und will den hängenden, blutüberströmten Ägypter vor der Schlange retten. Er steigt vom Baum und geht mit seiner Zimmermannsaxt zum Sklaven, um ihm die Fesseln zu durchschneiden. Ohne die Schlange könnte der Leser vielleicht übersehen, dass auch hier der Baum an den Baum der Erkenntnis erinnern soll: Was aber ist Erkenntnis? Ob Wissenschaftler die Eigenschaften von Higgs-Teilchen oder Schwarzen Löchern erkennen, hat mit der Erkenntnis, die in der Bibel gemeint ist, nicht viel zu tun. In der Bibel ist ausdrücklich von der Erkenntnis von Gut und Böse die Rede. Joseph sitzt im Baum und erkennt Gut und Böse. Und wählt das Gute, das Erbarmen.

Da erscheint der Aufseher mit einem Messer in der Hand und rennt auf Joseph los. Dieser schwingt sein Beil und trifft die Kehle des Aufsehers, der am Boden liegen bleibt. Joseph hält ihn für tot. Der Vogel mit Augenflügeln erhebt sich aus der Baumkrone und es wird still im Garten. Eine schwangere Ägypterin naht sich heimlich und hilft Joseph, den gequälten Sklaven wegzutragen, indem sie diesen dem Joseph mit einem Seil auf den Rücken bindet. Der geschlagene Ägypter ist, wie man bald einmal vermutet, Gott selbst. Das 1. Buch «Der Träger» könnte also auch «Christophorus» (oder «Joseph, der Christophorus») heißen; denn das bekannte Metapher, dass der Mensch Gott trägt, und schwer an IHM trägt, ist so alt wie die Christenheit. Der legendäre Christophorus ist Schutzpatron der Menschen, die «unterwegs sind»; er ist gewiss der von konfessionell ungebundenen Suchenden (Pilgern) der am besten angenommene «Heilige».(vgl. auch Angelus Silesius: «Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren / und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.») Das Seil wird Joseph nie mehr loslassen; es wird ihn durchs ganze Leben hindurch begleitet. Erst später erfährt der Leser, dass der Aufseher den Ägypter-Sklaven aus Eifersucht beinahe totgeschlagen hat, weil dieser die Ägypterin geliebt hat (und geschwängert hat: «Er leugnete es nicht ... nicht widersprach die ägyptische Magd» S.468). Auf S.114 erfährt man den Namen der Ägypterin. Sie heißt Asenath. Aber erst ganz am Ende des Buches erklärt Neith (die Erzählerin), die Ägypterin sei ihre Mutter gewesen (analog zu Maria, der Mutter des Gottes-Sohnes, ist Asenath Mutter der Gottes-Tochter).

Joseph weiß: Man wird ihn, den Mörder des Aufsehers, und den flüchtigen Sklaven suchen, und wenn man sie findet, werden sie gekreuzigt. Joseph zweifelt, ob er den Ägypter weiter tragen soll. Er stellt ihn ab. Da sieht er ihn zittern und frieren. Joseph hat wieder Mitleid und schnallt ihn sich wieder auf den Rücken. Doch nochmals erwachen wieder Zweifel, ob er sich der Gefahr aussetzen soll, als Fluchthelfer gesucht zu werden. Nun aber wird die Atmung des Sklaven ruhiger, als schliefe er. Und Jospeh erinnert sich, wie er Maria getragen hat, und wie schön das war. Die Ähnlichkeit der Situation weckt die Erinnerung an das liebevolle Vertrauen Mariens. So fördert die Liebe, die ein Mensch erfährt, dessen Liebesfähigkeit. Lieben ist mit Säen vergleichbar.

Also trägt Joseph den Ägypter weiter bis zur ausgetrockneten Zisterne. Dort setzt er den immer noch Bewusstlosen in der Zisterne ab und tarnt den Ort. Dann geht er heimlich zu seiner schlafenden Verlobten, weckt sie und erklärt ihr, er müsse fliehen. Er anvertraut Maria die Pflege des geschundenen Ägypters und geht, angetan mit einem Kleid, das Maria gewoben hat. Sie vereinbaren, wenn keine Gefahr mehr bestehe, das heißt, wenn die Fahndung nach dem Mörder vorüber sei, sollte Maria ihm einen «ungefärbten Streifen» des Tuchs senden, vom selben Stoff wie sein Kleid, als Zeichen, dass er gefahrlos zurück nach Nazareth kommen könne.

Als Joseph nach einiger Zeit auf dieses Zeichen hin zurückkommt, ist Maria schwanger. Joseph befragt sie. Maria beschreibt, wie Soldaten die ausgetrocknete Zisterne entdeckt haben, in welcher der Sklave versteckt war – dass dieser sich aber nicht mehr dort befand, obschon sie ihn noch am Tag zuvor verpflegt hatte. Und auf dem Zisternengrund war über Nacht hohe Gerste gewachsen, wo es vorher nur wenig zertretenes Kraut gegeben habe. – Jetzt keimt in Joseph der Verdacht, der Ägypter könnte Maria geschwängert haben. Diese aber sagt, sie wüsste nichts davon; sie sei wie bewusstlos geworden, als sie nach des Ägypters Name gefragt habe. Wie denn dieser Name gelautet habe, will Joseph wissen. Maria erzählt, der Ägypter habe ihr seinen Namen offenbart, aber sie habe ihn nicht behalten können,

... weil er alles enthielt, alles gab, alles auslöschend war im ersten Verlauten. (S.90)

Spätestens hier wird dem Leser klar, dass der Ägypter-Sklave, Gott selbst ist.

Nun erscheint Joseph im Traume ein Engel und gibt ihm (leicht abweichend von der biblischen Überlieferung) die Worte (S.95):

Ein Sohn ist dir aufgegeben von Gott. Du sollst ihn tragen. Denn wie Maria empfängt im Fleisch, so empfängt Joseph im Traum. Und wird austragen im Fleisch und im Geist, denn beide sind Leben.

Einige Monate nach der Geburt von Jesus geht Joseph wieder nach Sepphoris, wo es Zimmer­manns­arbeit gibt. Auf dem Weg dorthin wird er von Soldaten aufgehalten, die alle Leute der Straße zwingen, beim Löschen des brennenden römischen Landguts mitzuhelfen. Der Säugling der Landgut-Herrin ist noch im brennenden Haus. Jemand zwingt Joseph zu einem Versuch, der Herrin Kind aus den Flammen zu retten. Joseph kriecht durchs Flammenmeer, findet tatsächlich einen Säugling und nimmt diesen mit. Dabei befreit er auch noch einen Mann mit Armreif, der von einem gestürzten Balken eingeklemmt festgehalten wird. Bei der Rettung streift ihm Joseph den metallenen Armreif ab. Der Mann aber ist (von Joseph allerdings unerkannt) der Aufseher – dieser ist nämlich von Josephs Axthieb nicht gestorben, sondern hat nur die Fähigkeit zu sprechen verloren; er ist dann beim Gutsherrn in Ungnade gefallen und schließlich entlassen worden. Aus Rache hat er zusammen mit Komplizen auf dem Landgut Feuer gelegt. Jetzt, dank Joseph dem Feuertod entronnen, schnappt er sich ein Pferd und flüchtet unbemerkt im Wirrwarr der Feuersbrunst. Einer seiner Komplizen findet den Reif und streifte ihn einer unkenntlich verkohlten Leiche an den Arm. Dadurch lassen sich alle überzeugen, der ehemalige Aufseher, der als Brandstifter erkannt worden war, sei selbst im Feuer umgekommen und müsse nicht mehr gesucht werden.

Der Säugling aber, den Joseph rettet, ist das Kind der Ägypterin, und dieses Kind ist Neith, die Erzählerin. Ihre Mutter erliegt, auf ihrem blauen Tuch (!) liegend , den Brandwunden. Eine andere Sklavin, Sedula, zieht dann Neith auf.

Erst am Ende des Buches stellt sich heraus, dass Neith das Kind der Ägypterin Asenath (S.114) ist. Man ahnt es aber schon bei der Rettung des Ägyptersklaven, dass dieser Misshandelte eine Christus ähnliche Inkarnation Gottes ist. (Überdeutlich wird dies später auf S.90, wo Maria vom Erlebnis erzählt, wie der Ägypter ihr seinen Namen offenbarte.) Sowohl Maria (liegt auf blauem Tuch!), wie auch die Ägypterin Asenath (liegt auf blauem Tuch!) werden von Gott «überschattet» (Luk 1,35); demnach ist Neith die Halbschwester von Jesus. Das sagt Neith ganz unverhüllt auf S.472. Und damit wird Joseph, der seinen ersten Sohn Jesus nicht aus dem Wasser hatte retten können, zum Retter der Gottestochter aus dem Feuer.

Balthazar ist der Name eines morgenländischen Weisen, und Monoimos war ein abendländischer (griechischer gnostisch-christlicher) Philosoph, der die Identität Gottes und der geistigen Kraft des Guten im Menschen predigte. Monoimos war ein Vertreter der Monadologie, die von Euklid bis Leibniz immer wieder die erleuchtetsten Geister beschäftigte (Leibnitz hat die Infinitesimal­rechnung entwickelt).

Nicht nur die Namen der Personen, auch die Titel der einzelnen «Bücher» und Kapitel geben Hinweise zur Entschlüsselung des Werks Sunrise. (Interessant wäre die Antwort auf die Frage, ob der Titel Sunrise vom Autor oder vom Verlag gewählt wurde; der Titel Sunrise ist darum erstaunlich, weil das Buch im Übrigen keinerlei Anglizismen enthält und – mir jedenfalls – absolut unübersetzbar erscheint.)

Neith ist der Name der ältesten ägyptischen Göttin, Schöpfergöttin, Muttergöttin, und Totengöttin; Die Erzählerin Neith ist, nicht wie Jesus von einer jüdischen Mutter geboren, sondern von Asenath, einer Ägypterin (!). Asenath aber ist der Name von Potifars Tochter, der Frau des Jakobssohns Joseph und Mutter von Manasse und Ephraim. Neith sagt, als Balthazar und Monoimos den Auftrag erklären, den sie vom Ältesten ihrer Christengemeinde erhalten haben:

«Den [Jesus Christus] wollt ihr nicht, den ihr sucht und für den ihr glaubt, euer Leben gewagt zu haben. Denn [wenn ihr Jesus Christus gewollt hättet] das Seil hätte euch nicht zu mir hinaufgezogen ... Sondern eure Brüder hätten überlebt, und ihr säßet jetzt bei dem, zu dem Simeon euch führen wollte, am Ziel. Denn bei mir seid ihr nicht am Ziel, auf dem Weg aber. Wie einer, den ich einst kannte, der war auf dem Weg. Seinethalben seid ihr bei mir.»(S.20)

Im weiteren Zwiegespräch mit den Besuchern ergibt sich, dass Neith nicht Jesus meint, sondern dessen Vater Joseph, der im Paradies sei. Da fragt Balthazar erstaunt:

«... warum ins Paradies entrückt der?» Da antwortete Neith: «Ihr sprecht, als hätte einer, von dem ihr nichts wisst, dort nichts zu suchen.»

Schon in den ersten drei Kapiteln wird also dem aufmerksamen Leser klar, dass der Autor skeptisch ist gegenüber Heiligsprechung und Verehrung von Orten oder Gegenständen. Auch wird Skepsis spürbar gegenüber der Auffassung, Jesus sei eine singuläre Erscheinung: Gott wandelt auch inkarniert in der Gestalt eines Ägypters, leidet und wird, weil er die Ägypterin geliebt hat (also wegen Liebe) gekreuzigt. (Dass der Autor gegen den Irrtum, körperliche Liebe sei etwas Verunreinigendes, ankämpft, kommt dann später S.489 noch deutlicher zum Ausdruck, wo Joseph den «Psalm der Geburt» singt).




2. BUCH: DIE PILGER

Jesus, Mariens Sohn, wächst in Nazareth heran und begleitet als Zwölfjähriger die Verwandtschaft zum Pessach-Fest nach Jerusalem. Auf der Hinreise bittet Jesus den Vater, er solle ihm die Geschichte von Joschija erzählen (2.Könige, 22).
Eckhard Nordhofen schreibt darüber: (Die Zeit online 16. Juni 2012):

«Ein Kabinettstück ist die »Geschichte vom verlorenen Buch: Die Nacherzählung Josephs formt Patrick Roth zu einer in Stufen gesteigerten Lehrererzählung über das, was Schrift, Heilige Schrift, kann und was nicht. »Da ward gefunden das verlorene Buch«, meint Jesus schon, als man die Schriftrolle in Händen hielt. Joseph dagegen: »Noch nicht gefunden war es. Denn was nutzt die Schriftrolle dem, der sie zwar greifen, aber nicht lesen kann?« Lesen aber heißt noch nicht verstehen, verstehen heißt noch nicht das Verstandene in die Tat umsetzen, und die richtigen Taten kann nur der tun, der die Macht dazu hat. Und jedes Mal spricht Jesus sein: »Da ward gefunden das verlorene Buch.« Und jedes Mal Joseph: »Noch nicht gefunden war es ...» Im Rothschen Zwischenreich der Wirklichkeiten wird als Höhepunkt und Pointe der zwölfjährige Jesus im Tempel selbst zum verlorenen und wiedergefundenen Buch. In der Konkurrenz der Gottesmedien plädiert Roth für das Fleisch gewordene Wort. Es kommt nach der Schrift und in ihrer Konsequenz. Vor der Schrift aber kamen die Träume.»

Vom einwöchigen Pessach-Fest selbst erzählt Roth nichts. Auf der Heimreise merken Maria und Josef erst in Sichem, dass Jesus fehlt. Joseph geht zurück, um seinen geliebten Sohn Jesus zu suchen. Er entdeckt zwei Jünglinge und, weil einer von ihnen Jesus gleicht, rennt er ihnen nach. Dabei gelangt er durch einen verbotenen Eingang in ein Theater, in welchem offenbar gerade Sophokles «Ödipus auf Kolonos» aufgeführt wird. Ein Torwächter rennt Joseph nach. Unvermutet steht dieser auf der Bühne neben Ödipus, Theseus, Antigone und Ismene, versteht aber nicht, dass er auf einer Bühne steht und was da eigentlich abläuft; er versteht bloß, dass sie Personen griechisch sprechen und von Göttern reden. Er entwischt dem Wächter und verlässt das Theater. Doch in der folgenden Nacht träumt ihm, die ganze Welt, alles was er gezimmert hat, auch die ganze griechische Bühne und sogar Jerusalem stünden in Brand; er sucht verzweifelt Jesus und kommt im Traum wieder auf die Bühne; jetzt aber im Traum versteht er alles, was die Schauspieler reden: Sie diskutieren, ob sie im Garten (das aufkommende Christentum), der hinter den abgebrannten Kulissen (der antiken Welt) erkennbar wird, sicherer wären vor zerstörerischem Feuer (Krieg, Bosheit, Machtmissbrauch). Der Blinde (Ödipus, aber als Blinder gemäß griechischer Tradition die Allegorie der Weisheit und Prophetie) und die Frau sagen zu Joseph, der Garten sei ein Grabhügel. Joseph kann den Traum natürlich nicht deuten. Ein heutiger Christ aber errät leicht, was er bedeuten soll: Die Welt der Griechen verbrennt; dahinter kommt der Grabhügel, Symbol sowohl für Tod als auch für Auferstehung. Die Griechen mit ihrer scharfen Logik aber fragen sich, ob sich die christlichen Visionen und Träume mit dem griechischen Erbe vereinen lassen zu einer beständigeren Welt.

Joseph sucht weiter nach Jesus und geht zurück bis nach Jerusalem. Da riecht er frischgebackenes Brot. Das ist in Sunrise eine mehrmals wiederkehrende Erfahrung von Menschen, in deren Nähe Jesus sich aufhält. Er ist ja das «Brot des Lebens», und dieses Brot ist gleichzeitig das «Fleisch gewordenen Wort», das Jesus als «wieder gefundenes Buch» als «wahres Pessach-Lamm» erkennt.

Auf dem Heimweg fragt Joseph den Sohn, wo er die drei Tage, während welchen er vermisst wurde, verbracht habe. Jesus gibt bereitwillig Auskunft: Er hat Stimmen «gesehen», die ihn in den Tempel riefen. Und er hat bemerkt, dass er von den Menschen nicht mehr wahrgenommen wurde, sodass er ungehindert bis zum Allerheiligste, zur Lade hinter dem Vorhang, vordringen konnte. Dort ist er eingeschlafen. Und Jesus sagt in Anlehnung an 1. Samuel 3,1-9 zu seinem Ziehvater (S.165):

Und im Wissen davon erwach ich und sag: «Sprich, Vater, dein Sohn hört.»
Und ER spricht, Sein Wort zu mir, da ist, was ER sagt, gänzlich ungetrennt eins mit IHM.
Und eins mit ihm, der es hört.
Da fragte Joseph den Sohn: «Und seine Worte, was hat ER gesagt?»
Und Jesus, ihn ansehend, spricht: «Du hast's gehört, als du mich fandest:

Gefunden habe ich das verlorene Buch›».

Damit entfaltet der Jesusknabe die johanneische Theologie, die, zusammen mit der paulinischen, dem Christentum die unabdingbare «gnostische Note» verleiht: Die geistige Macht des Guten (das Wort Gottes, der Heilige Geist) im Widerstreit mit der geistigen Macht des Bösen, dem Dämonischen-Diabolischen.

Im weiteren Gespräch merkt Joseph, dass Jesus irgendwie verängstigt ist. Und schließlich erklärt ihm Jesus warum: Beim Wegmarschieren aus Jerusalem ist er an Golgatha vorbei gekommen und hat ungewollt eine Kreuzigung miterlebt: Ein Ägyptersklave (es ist offensichtlich der Ägyptersklave, den Josef einst gerettet hat!) wurde blutig gepeitscht und ans Kreuz geschlagen. Jesus wollte und konnte nicht hinsehen. Andere gafften gefühllos zu. Da plötzlich verspürte Jesus doch einen inneren Zwang, auf das Geschehen hinzusehen. Und da sieht er den am Kreuze Hangenden, wie seine Augen umherschweifen; sie suchen jemanden, der ihnen einen letzten Blick schenkt. Und sie irren umher und finden niemanden. «Dann aber», erzählt der Jesusknabe (S.170),

«... zum Letzten, flügelschlagschnell kam es her, hielt sein Auge auf mir. Und lies herab sein Auge auf meines (...) Da kam über mich ein Verlassensein übermächtig. Es war aber seines, des Ägypters, das Verlassensein des Gekreuzigten meines. Und seine Einsamkeit, die hinaussah und dort niemanden kannte, war meine. Denn sie hatte erkannt mich. Und mit seiner Einsamkeit hatte sein Auge, im Letzten noch, sich niedergelassen auf meinem, dort haltend.

Und gehalten war ich und hielt. Bis ich fassen konnte nicht mehr das Verlassensein dort und mein Verlassensein hier. Sondern mich abwandte von der Vernichtungsstätte, mich umwandte.»

Joseph aber versucht, diese beinahe unheimlich intensive Identifikation seines Sohnes mit dem Ägypter (mit dem leidenden Gottmensch) in Zusammenhang zu bringen mit einem Traum, den er kürzlich gehabt hat, in dem er einem riesigen Kreuz in einer Grube (Kapitel 32) begegnet war:

«… der Sohn hat sich wiedererkannt. Und wollte - in großer Angst, die ihn im Erkennen befiel – Antwort erhalten und Zuflucht im Heiligtum Gottes.»
Aber, dachte da Joseph, sehe nur ich es so.
Dass nämlich hier der Vater gekreuzigt wird vor dem Sohn?
Und der Vater sich opfert vor ihm, ohne dass es wüsste der Sohn?

Schon hier ahnt man, dass Joseph das Gemüt eines, man könnte sagen «patripassionistischen Monarchianers» hat. Die Vermutung wird in der seltsamen Vision im Kapitel 86 «Das Gesicht» bestätigt. Spätestens dann fragt man sich: Und welches Gemüt hat der Erfinder von «Das Buch Joseph»? Wie weit bestätigt oder widerruft die Schlussvision «Der Tisch» das patripassionistisch-gnostische Gefüge des Transzendentalen (Kapitel 112)?

Das letzte Kapitel des 2. Buches (Kapitel 37) hat den Titel «Der Traum»: Joseph träumt, er klettere auf den Sinai. Oben tobt ein Sturm und der Berg raucht. Da hört Joseph Gott gewaltig sagen: «Joseph, Joseph, ich, der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams, usw. ... nimm Jesus und schlachte ihn mir zu Opfer auf dem Berg, den ich dir weisen werde.»




3. Buch: DAS OPFER

Der entsetzliche Befehl verändert Josephs Verhalten so, dass die Leute sagen, er habe einen bösen Geist. (Hat er ja auch in den Augen derer, die an einen gütigen Gottvater, Schöpfer des Himmels und der Erde, glauben und daran, dass das «Leidvolle» in der Schöpfung lediglich ein unvermeidlicher Übergangszustand zur «erlösten Natur» sei; denn Paulus selbst sagt, die ganze Schöpfung harre der Erlösung (Röm 8,18). Aber der böse Traum bleibt für Joseph eine gewaltige Bedrohung. Er fleht zu Gott in Anlehnung an Abrahams Fürbitten für Sodom: «Verschone ihn (Jesus) noch, in dem aufbewahrt sind Städte und Menschen und eingeboren die Welt. Gott aber lässt alles Flehen kalt. Wie prophezeit zeigt er ihm den Berg. Da nimmt Joseph das Seil, mit dem die Ägypterin ihm den Ägypter auf den Rücken gebunden hat, um damit Jesus zu fesseln. Er nimmt auch ein Lamm mit, damit Jesus nicht Verdacht schöpfe. Alle Vorbereitungen werden unerträglich ausführlich beschrieben.

Dann aber tauchen unvermutet berittene Räuber auf. Sie fordern die Eselin und das Lamm. Jesus aber klammert sich an das Lamm, weil er meint, es sei das Opferlamm; Jesus (in des Autors Fantasie) denkt, ohne das Lamm könne der Vater kein Opfer darbringen, was eine Katastrophe wäre. Da wollen die Räuber Jesus niederstechen. Joseph fleht um Gnade für seinen Sohn und gibt das Lamm her. So lassen die Räuber ab von Jesus und tun ihm nichts.

Dann fesselt Joseph Jesus am Lagerfeuer mit dem Vorwand, damit sie einander nicht verlören. Jesus schläft ein. Gegen Morgen macht sich Joseph auf, Feuer auf dem Altar anzurichten. Da sieht er zwei Löwen über einer Felskluft liegen und fürchtet sich. Wenig später naht ein Reiter. Joseph zögert, diesen vor den Löwen zu warnen. Und schon stürzen sich die Löwen auf Pferd und Reiter und töten diese. Erschüttert geht Joseph zurück an den Altar, kniet nieder und betet mit dem Messer in der Hand (S.225): «Herr, Deinem Willen gehorche ich nicht. (...) Nimm mich als Opfer an seiner statt» Wenig später hört er jemanden hinter sich. Er vermutet richtig den Sohn und wendet sich um. Dieser aber flieht, weil er erraten hat, für wen Joseph den Opferaltar aufgebaut hat. Joseph sucht ihn, findet aber nur das vom Feuer angefressene Seil, mit dem er Jesus gefesselt hat, und ahnt, wie der Sohn sich befreit hat. Er nimmt das Seil mit. Jesus aber ist und bleibt verschwunden. Da geht Joseph zurück an den Altar und sucht die Löwen, damit er von ihnen zerrissen würde. Diese jedoch sind vom Pferdefleisch gesättigt und kümmern sich nicht um Joseph. Dem Reiter aber haben sie den Kopf abgerissen; und Joseph erkennt den Kopf des Aufsehers. Joseph, in der Überzeugung, Gott werde seinen Ungehorsam bestrafen, wagt sich nicht zurück nach Nazareth, umso weniger, als Jesus seine Absicht, ihn zu opfern durchschaut haben musste. Die Seinen würden nie mehr Vertrauen haben in ihn. Und Gott ebenso wenig, weil er ihm den Gehorsam verweigert hat. Also beschließt Joseph, für die Welt als tot zu gelten: Er vergräbt des Aufsehers Kopf und umhüllt den zerfleischten, blutüberströmten Torso mit seinen Kleidern, und gibt ihm den ungefärbten Stoffstreifen und das Seil. Alsdann versteckt er sich in der Felsenkluft, wo die Löwen lagen.


4. Buch: DER TOTE

Joseph liegt erschöpft in der Felsenkluft. Am nächsten Tag kommen die Seinen, ihn zu suchen auf dem Berg, wo er mit Jesus gelagert hat. Joseph sieht und vor allem hört alles aus seinem Versteck heraus durch den Ausschnitt des Felsenspalts. Er hört Jesus weinen und das rührt in so sehr, dass sein Herz stockt, so sehr, dass ein zweites Herz in der Stirn zu schlagen beginnt, in anderem Takt als das in der Brust. Alle Suchenden nehmen an, des Aufsehers Leiche sei die des Joseph. Und Maria hüllt die enthauptete Leich ein in ihr blaues Tuch. Jemand sieht die Felsenkluft. Und so wird der Leichnam des Aufsehers dort hineingezwängt, wo Joseph sich versteckt hält. Niemand aber sieht den Joseph. Sie schieben einen großen Stein vor den Eingang zur Kluft. Joseph hört, wie am Stein geschabt wird, und stellt sich vor, sein in den Grabstein gemeißelter Name werde getilgt. Nach drei Tagen wagt sich Josef halb verdurstet aus der Felsenkluft und sieht: Jesus hat nicht seinen Namen getilgt (es war ja auch keiner auf den Stein geschrieben), sondern auf den Stein graviert: «Nach Drei Tagen Lebe». (In der Quadratschrift hat Joseph vier Buchstaben: J-o-s-f; Jesus aber hat vier Worte auf den Stein geschrieben. Jesus tilgt nicht, Jesus erweckt.)

Mit Mühe befreit sich Joseph am dritten Tag aus seinem Grab und verscharrt die verstümmelte Leiche. Dann hört er jemanden kommen und versteckt sich. Es ist Jesus. Er findet das Grab leer. Joseph, hinter einem Felsvorsprung versteckt, beobachtet ihn und sieht, wie sich Jesus über die Auferstehung des Vaters freut. Über Jesu Freude freut sich Joseph und will sich mit einem Freudenschrei Jesus zeigen; aber er hat die Stimme verloren und ist fortan stumm. Jesus zieht ab vom Opferberg und Joseph ist wieder alleine. Am Ende seiner Kräfte und dem Verdursten nahe wandelt Joseph durch einen Sandsturm und trifft auf eine Karawane. Er bleibt im Sandsturm unentdeckt und belauscht ein Gespräch fremder Menschen. Einer erzählt folgende Geschichte:

Bekanntlich hätten die Israeliten auf der Flucht aus Ägypten dem Moses vorgeworfen, er habe sie in den Tod geführt, weil sie in der Sinaiwüste kein Wasser fanden. Da habe Mose das Problem mit Gott besprochen und die Weisung bekommen, mit seinem Stab an einen bestimmten Felsen zu schlagen. Dann werde Wasser sprudeln. Selbstverständlich kannte Joseph diese Geschichte. Nun aber erzählt der Fremde eine Erweiterung, die ihm neu war:

Während Moses mit Gott diskutierte, organisierte seine Schwester Miriam (lateinisch Maria) auf eigene Faust eine Wassersuchaktion: Sie schickt Leute nach West, Nord und Süd. Selbst aber geht sie nach Osten (Osten: Aufgang, Sonnenaufgang, Symbol des sonnengleichen Erlösers, mit dessen Erscheinen eine neue Zeit aufgeht, Sunrise). Miriam sieht einen Sodbrunnen, an dem ein etwa zehnjähriger Amalekiterjunge etwas hinunter wirft. (Amalekiter = Nachfahren von Esau) Miriam denkt, der Knabe habe einen Eimer an einem Seil hinuntergeworfen, um Wasser zu schöpfen. Beim Brunnen angekommen sieht sie aber, dass der Junge bloß ein Seil hinunter geworfen hat, um seinen Vater aus der trockenen Zisterne zu retten; das obere Seilende ist ihm aber entglitten; es ist auf einem Steinabsatz hängen geblieben, für das Kind unerreichbar, für Miriam aber doch. Sie holt es herauf und zieht dann den blinden, schwer verletzten alten Vater hoch. Dieser meint, sein Sohn habe ihn gerettet. Er zieht Miriam am Seil zu sich und spricht: «Höre, mein Sohn.» Weil Miriam den offensichtlich tödlich verletzten, sterbenden Mann nicht enttäuschen will, antwortet sie: «Vater, hier bin ich.»

Und da nun bringt Roth eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte in der Geschichte (nämlich Neith erzählt>Joseph habe erzählt>der Fremde der Karawane habe erzählt>der sterbende Amalekiter habe erzählt); denn der sterbende Amalekiter spricht (S.276):

«Mein Sohn, bevor mich der Tod ereilt, will ich dir geben dein Erbe», sagte der Blinde, « dir, dem Sohn, das Geheimnis der Quelle übergeben, der Quelle, die wandert mit uns (...) Denn die Quelle reicht zu Esau hinab, unsrem Stammvater. Darunter aber hinab noch reicht sie, unter Adam, den ersten Menschen, hinab reicht sie, hinab bis zu Gott. Gott erschuf die Quelle am zweiten Tage, als er schied die Wasser (...) denn über der Scheidung kamen Tränen Gott, sodass am Ende des zweiten Tags der Schöpfung der Welt nicht geschrieben steht: Und Gott sah, dass es gut war. Denn zwei Tränen der Scheidung entsprangen dem Auge, die verbanden im Fall sich wieder zu einer. Das ist die Quelle und Ursprung des Wassers, von dem wir leben. (...) Aus dieser Quelle aber nähren sich und diese Quelle speisen alle, die weinen über der Trennung, die raubt das Eine und spaltet das Einzige entzwei (...) sodass Jakob spaltete Brudereinheit (...) da weinte Esau (...) sprach Isaak sein Vater: Siehe, du wirst wohnen ohne Fettigkeit der Erde und ohne Tau des Himmels von oben her. [Und nach Isaaks Tod war Esau traurig und brütete in seinem Zelt über den Segensworten des Vaters und weinte. Da aber, wo er Tränen vergoss, siehe, da drang es unter seiner Ferse empor [von unten her]. Und Esau sah's glänzen und quellen. (...)

Und Esau roch an ihr und schmeckte an ihr, und in seinem Zelt trank von ihr. Denn sie war süß. Esau aber glaubte, das Salz, das er auch in ihr schmeckte, stamme von seinen Tränen. Denn da war ihm noch nicht offenbart der Ursprung der Quelle, dass sie von Tränen genährt war, den Ersten Gottes. Und nachgenährt war von allen nach diesen gottvergossenen, von menschenvergossenen nachgenährt war und heraufquellte zu nähren die, die dürsten nach Einigung. Himmel oben, Himmel unten. Das ist die Quelle, die wandert und herbeigerufen dir scheint von unten. Daher wisse die Scheidung, um derentwillen wir dürsten, und wisse, woher kommt, was uns tränkt, und wohin kehrt, was wir mit Tränen beweinen. Denn nur darin ist Heilung für uns.

Der Autor hat hier eine Geschichte erfunden, die «feministischer Theologie» entgegen kommt. Eines der Hauptanliegen von Sunrise scheint darin zu bestehen, der christlichen Heilsgeschichte eine «Geschlechtersymmetrie» beizufügen: Jesus bekommt die Halbschwester Neith beigesellt; der Ziehvater Joseph die Ziehmutter Sedula; die Muttergottes Maria, die Göttinenmutter Asenath, der Wasservermittler Moses die Wasservermittlerin Miriam, – und später wird sich noch zeigen, dass Neith Zwillinge zur Welt bringt, wen wundert's: ein Junge (Adam) und ein Mädchen (Eva). Immerhin bemüht sich der Autor nicht nur um Geschlechter-Gleichstellung, sondern auch um political correctness betreffend Rassen und soziale Schichten: Die Inkarnation Gottes kann nicht nur ein Galiläerjude, Sohn eines gutbürgerlichen Zimmermanns sein, sondern muss parallel dazu auch ein Sklave und Ägypter sein. Die beiden Inkarnationen haben den gleichen Vater und «verständigen» sich über Blickkontakt, als der Sklave am Kreuz hängt. Und nochmals ganz am Ende des Buches (Kapitel 103) ist von einer Kreuzigung eines Unbekannten die Rede; und Gott scheint auch hier physisch anwesend, denn Joseph erblindet (findet aber gleichzeitig die Sprache wieder, zum Glück, muss man sagen, sonst hätte Neith nicht viel zu erzählen gehabt).

Zurück zum sterbenden Amalekiter: Er übergibt Miriam einen Spruch, mit welchem die «mitwandernde Quelle» hervorgelockt werden kann. Es ist ein Vers der Empathie (S.279), welcher der Tränen gedenkt, der Tränen Gottes, der Tränen Adams, Isaaks, Esaus. Und der Leser ahnt: Die Quelle schmeckt süß und salzig (wie Brot, wie Liebe, wie der in Jesus inkarnierte Gott, der die Liebe selbst ist). Und Miriam gibt denen von der Quelle zu trinken, die danach verlangen. Was Miriam dann aber nicht verstehen kann (und der Leser auch nicht), ist, dass am Tage darauf die Amalekiter die Israeliten angreifen und Gott dem Mose sagt: «Ich will Amalek unter dem Himmel austilgen, dass man seiner nicht mehr gedenke.» Da fühlte sich Miriam unschuldig schuldig am gegenseitigen Schlachten der Israeliten und Amalekiter.

Joseph aber, der die Erzählung des Fremden hört (S.282),

sah die Worte, die er belauscht, sah vor sich den Brunnen leer, sah es dringen empor von unten herauf (...) jetzt verschlungen vom Meer – und sah's treiben empor (...) einen riesigen Baumstamm, der trieb auf ihn zu. Da wusste Joseph: Ich kenne das Wasser des Brunnens der Miriam (...) denn es treibt verloren darin zu mir, im hohlen Pfosten des Baums – ich höre sein Pochen – mein erster Sohn im Meer unter dem Meer.» (vgl. S.53 Kap.14+15)

Soweit die Geschichte, die Joseph vom Fremden der Karawane belauschte und sich wunderte, dass man ihn offenbar nicht sehen konnte. Ignoriert zu werden war für Joseph eine äußerst schmerzliche Erfahrung. War er tot? Oder war alles nur eine Vision? Vom Wasser in den Schläuchen bei den Kamelen kann er nicht trinken, obschon er beinahe verdurstet; seine Kehle nimmt nichts auf. Durch Samarien wandernd stürzt er plötzlich einen Steilhang hinab in eine Grube, bleibt bewusstlos liegen, erwacht, erfriert beinahe, klettert einen Felsen hoch, trifft auf einem Felsabsatz eine Kuh, die er für tot hält, lässt sich dennoch von ihr wärmen und schläft ein. Als er erwacht, sieht er, dass die Kuh nicht tot ist und ihm nachschaut. Das empfindet er wie eine Erlösung: plötzlich wird er wieder wahrgenommen (S.287).

«Und sein Herz pochte zitternd, da er sich hinsehen sah in ihren Augen, den Augen des Tiers. Und er sah sich gesehen und sah sich kniend gewölbt im Weiss ihrer Augen.»

Anschließend träumt Joseph von der Opferung seines Sohnes. Aber auch im Traum kann er es nicht, auch im Traum verweigert er Gott den Gehorsam, bricht zusammen und nimmt das Messer, um sich selbst zu opfern. Da, in diesem Augenblick öffnet sich der Mund des Sohnes, der gefesselt auf dem Altar liegt, und Blut strömt aus Jesu Mund in jenen von Joseph. Da erwacht Joseph, und das, was er im Mund hat, ist Wasser. Denn es regnet in Strömen. Das Wasser stärkt ihn und auch die Kuh trinkt aus steinerner Traufe. Das Leben ist neu erwacht!

Wenn Joseph in einem Grab liegt, das für einen andern bestimmt ist, erinnert dies an Jesus im Grab des Joseph von Arimathäa.
Wenn Jesus zum leeren Grab des Ziehvaters kommt, erinnert die Szene an jene, als das Grab Jesu von Magdalena leer gefunden wurde (vgl. des Autors Erzählung «Magdalena am Grab»).
Wenn der «Tau von unten her» lebendiges Wasser (S.278) genannt wird, erinnert das an die Szene Jesus mit der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4,10).
Wenn ein Tier (die Kuh) mehr wahrnimmt als Menschen (nämlich Joseph wahrnimmt), so erinnert das an Bileams Tier (den Esel), der den Engel erkennt.

Das 4. Buch heißt: DER TOTE. Weil im folgenden 5. Buch DIE RÄUBER Joseph wieder lebendig ist, endet das 4. Buch, wenn auch verschleiert, mit einer Art Auferstehung. Die «Erlösung vom Tod» geschieht (in einem Traum) durch das Blut des Sohnes. Das ist wiederum ein christlicher Gedanke. Das Blut kommt aber nicht aus Wunden, sondern aus Jesu Mund, der in erster Linie ja Quelle des Wortes ist, sodass der Christ hier zu sinnieren beginnt, ob das Fleisch gewordene Wort erlöst, oder ob das Blut Christi. Oder ob vielleicht gar kein Unterschied besteht zwischen Blut und Wort, wenn dieses lautet: «Liebe deine Feinde», und der Menschgewordene dieses Ideal vorlebt, indem er sein Blut hingibt («Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun»).

Der ertrunkene «erste Jesus» im «lebendigen Wasser» (S.282 unten) und gleichzeitig der «zweite Jesus» in Nazareth. Wenn der «erste Jesus» im «Meer unter dem Meer», dem lebendigen Wasser, also dem ewigen unendlichen Wort Gottes, dem Logos, dem Schöpferwort der Liebe und «im Baumstamm», dem Ursprung des Logos, dem Baum der Erkenntnis, dem Baum der Schöpferliebe, dem Baum, aus dem das Kreuz geschnitzt wurde, wenn also «erster» und «zweiter» Jesus derselbe Jesus in zweierlei Gestalten ist – der eine im zeitlosen «Meer unter dem Meer» bei Gottvater, der zweite Mensch geworden in Nazareth – dann sind diese Visionen und Träume Versinnbildlichung dessen, was den Monotheisten so schwer fällt: Gott in mehreren Bildern darzustellen, nicht weil es mehrere Götter gibt, sondern weil nur mit mehreren Bildern über ihn etwas ausgesagt werden kann.

Das Motto der nicht-christlichen Monotheisten lautet: KEIN BILD, wenn man an Gott denkt.
Das Motto der christlichen Monotheisten lauten: KEIN BILD oder dann aber VIELE.

Im ersten Fall wird Gott notgedrungen zum Diktator: eingeschlossen oben in der Burg, bekannt nur vom Hörensagen der Befehle, die er, der fürchterliche, angeblich erlassen haben soll. Also ein unheimliches, tyrannisches, allmächtiges Wesen. Im zweiten Fall aber wird Gott zum nahen Geist der Liebe, allgegenwärtig in seiner Schöpfung, sichtbar im Heiligen und Heilen, im friedlichen Einssein der Schöpfung.

Das Blut aus dem Munde Jesu, das im Traume den dürstenden Joseph stärkt, erinnert an den Weinkelch im Abendmahl und an die christlichen Darstellungen der Kreuzigung mit Engeln, welche das aus der Seitenwunde spritzende Blut in Trinkgefäßen auffangen.

Überall, wo von Wasser die Rede ist, muss man sich in Erinnerung rufen, dass dieses «Element» dreierlei Bedeutung hat:

Es fließt und ist damit Symbol für die Zeit.
Es macht die Erde fruchtbar und ist damit Symbol für das Leben.
Es erstickt Menschen und Feuer und ist damit Symbol für Gefahr und Tod.

Die Verweigerung des Menschenopfers Joseph deute ich so:

Es gibt (glücklicherweise selten) Menschen, die haben Träume oder Visionen, in denen sie von Gott Befehle empfangen. Ist Gott eine alles überwachende und verursachende Person, dann denkt man unvermeidlich, der geträumte Befehl sei tatsächlich Gottes Befehl. Lässt das Denken aber «freien Willen» zu (und zwar nicht nur betreffend Menschen, sondern auch für Engel und Dämonen), dann kann ein «geträumter Befehl Gottes» auch Machwerk eines Dämons sein und nur vermeintlich von Gott. (Vielleicht auch nicht dämonisches Werk, sondern irgendwie tiefenpsychologisch erklärbarer Verarbeitungsprozess von Erlebnissen, oder sonst irgendein mit pseudowissenschaftlichem Blabla verharmloste Erscheinung). Sowohl beim mosaischen Abraham als auch beim Rothschen Joseph geht es um die fundamentale Frage: Gibt es den «freien Willen»? Damit ist gemeint: Gibt es ein Wollen und Bewirken außerhalb dessen, was der Schöpfergott gesetzt hat, sei es mit neuen Befehlen oder mit den alten, den sogenannten Naturgesetzen?

Gemäß Genesis 1,30 gibt der Schöpfer allen (!) Tieren und dem Menschen eine Seele und ausschließlich Pflanzen zur Nahrung. In Genesis 2,7 lesen wir, dass Gott dem Menschen auch seinen Odem einhauchte. Mit diesem Odem, den Gott den Tieren nicht gewährt (obschon auch sie eine Seele bekommen!) ist der freie Wille gemeint. Also muss man das Raubtier bereits als eine, durch dämonischen «freien Willen» verdorbene Kreatur betrachten (denn Gott gab nur die Pflanzen zur Nahrung). Der Löwe hat zwar eine Seele, aber keinen «freien Willen»; er wurde nicht von Gott angehaucht; wenn er Fleisch frisst, dann ist es nicht sein freier Wille, aber auch nicht Gottes Wille – bleibt nur der Wille eines Wesens mit freiem Willen und der Fähigkeit, diesen Willen willenlosen Geschöpfen aufzubürden. In der vom Zeitlichen erlösten Schöpfung (gemäß Röm 8,18 «wartet die ganze Schöpfung sehnsüchtig auf Erlösung») wird die Kreatur nicht mehr hungern, nicht mehr jagen, nicht mehr töten. Auch nicht der Löwe. Er wird, gleichsam als platonische Idee, nur noch sein, nicht mehr fressen. So haben Maler das Paradies gemalt (z.B. Lukas Cranach). Bilder von Transzendentalem sind stets nur Bilder, die wir uns machen, und die vielleicht nur die emotionale Seite der transzendentalen, zeitlosen Wirklichkeit wiedergeben (weil sie nur diese wiedergeben können). Der Mensch aber, dessen «freier Wille» sich von der Liebe leiten lässt, wird «Miterbe» sein, mit Jesus, der die Menschen an Ostern jubeln lässt: «O glückliche Schuld, die einen solchen Erlöser bekam!»

Es geht also um den «freien (den von göttlicher Prädestination unabhängigen) Willen». Solchen Willen will Gott erschaffen, als Krönung seiner Schöpfung. Denn die Liebe kann sich nicht entfalten in der Einsamkeit; sie braucht, um sich entfalten zu können, einen Geliebten auf Augenhöhe. Um politisch korrekt zu sein, füge ich bei: Und der Allmächtige braucht eine Geliebte auf Augenhöhe, um seine Liebe entfalten zu können.

Doch verheißt Gott dem freien Willen nur dann Bestand, wenn er mit Seinem Willen, der Liebe ist, vereinbar ist, letztlich also vereint (wiedervereint) werden kann mit dem göttlichen. Gott wartet also auf den Menschen, der genug starken «freien Willen» hat, sich den Anordnungen einer höheren Macht (sei sie dämonisch und vermeintlich Gott oder von einem realen Tyrannen im Haus oder Land) zu widersetzen, wenn irgendeine Anordnung von irgendwoher der Liebe widerspricht. Abraham hat sozusagen versagt (wenn die Geschichte überhaupt wahr ist und nicht bloß ein Metapher analog zu der Geschichte von Iphigenie oder jener von Patrick Roth u.a.m.)

Man könnte versuchen, Abraham zugutezuhalten, dass zu jener archaischen Zeit die Menschen glaubten, ein Opfer gehe verhüllt im Rauch des Brandopfers zu Gott in den Himmel, dass also einem Menschen nichts Schreckliches widerfahre, wenn er geopfert werde. Solche Vorstellungen hatten vielleicht die Azteken, die Juden nach Moses aber mit Sicherheit nicht! Den Israeliten war Menschenopfer ein Gräuel, der mit dem Tod geahndet wurde.

Dies ermöglicht die ungewöhnliche Interpretation des Opfers auf Moria: Als Abraham Isaak opfern wollte, weil er vermeintlich von Gott dazu aufgefordert wurde, verhinderte Gott selbst das Opfer. Also ist «das Opfer auf Moria» nicht als Gehorsamsbeweis des Abraham zu deuten, sondern als Treuebeweis Gottes, der den Abraham vor der Wahnidee, er müsse den Sohn opfern, rettet. Abraham hatte versagt. Aber die Liebe Gottes hat nicht versagt: Sie rettet Abraham.

Der Roth'sche Joseph hingegen ist standhaft. Er erinnert an Jakob, der mit Gott kämpft. Hier aber bei Joseph geht es nicht um Kampf, sondern um die Freude Gottes, dass der «freie Wille», wie vom Schöpfer erhofft, sich nicht von Visionen oder Träumen, sondern von der Liebe leiten lässt. Also gelingt die Krönung der Schöpfung, wenn der «freie Wille» sich als solcher manifestiert, aber geleitet wird von der Liebe, das heißt: vom Geist Gottes. Darum schreibt Roth «Seinetwegen wurden Himmel und Erde» (S.20). Denn die Krönung der Schöpfung ist der Mensch der mit freiem Willen sich von der Liebe leiten lässt (nicht durch das Gesetz; darum die Aversion des Paulus gegen das Gesetz). Für die Josephmenschen wurden Himmel und Erde. Der Schöpfergott hat zustande gebracht, dass trotz der Naturgesetze, die den Eindruck erwecken, alles sei prädestiniert, ein starker freier Wille des Menschen möglich ist – auch wenn sogenannte Wissenschaftler dies leugnen, weil es nicht in ihr Vorurteil und Weltbild passt.

Eigentlich könnte hier der «Roman» (eher sollte man sagen «die Dichtung») mit einer Himmelfahrt enden. Es folgt aber das Leben Josephs in der Räuberbande. Das fünfte Buch kann gelesen werden als das, was das NT im negativen Sinne «die Welt» nennt. Das Buch liest sich wie eine archaische Gesellschaftskritik: Joseph ist dauernd gefesselt und muss, um nicht sofort umgebracht zu werden, den Diener spielen. Das ist die Grunderfahrung des Menschen als soziales Wesen: Der Barmherzige lebt in einer Räuber­gesellschaft, kann aber nichts tun gegen die Verbrechen. Ihm sind die Hände gebunden.


5. BUCH: DIE RÄUBER

Aus der Grube geklettert sieht Joseph sich mitten unter den Räubern, die ihm damals auf dem Opferberg das Lamm und die Eselin gestohlen haben. Sie schlafen alle. Wie man später erfährt, heißt der Häuptling der Räuberbande Dymas und hat von einer ersten Frau zwei Söhne, einen mit Namen Jesus und einen mit Namen Jakob. Von einer zweiten Frau hat er den Gemas, der sein Lieblingssohn ist.

Mag sein, dass Jesus im antiken Palästina ein gängiger Name war. Im heutigen deutschen Kulturkreis trifft man ihn, außer bei mediterranen Immigranten, fast nie. Patrick Roth aber ist ein deutscher Dichter. Also ist beinahe sicher, dass alle drei Jesusfiguren – Jesus1, Jesus2 und Jesus3 - einen spezifischen Bezug zum Jesus von Nazareth haben. Und diesen denke ich so:

Jesus1, der im «Meer unter dem Meer» und im «Baumstamm» ruht, ist der Sohn Gottes, der auch dann bei Gottvater ist (im Meer unter dem Meer), wenn er gleichzeitig in Nazareth wohnt.

Jesus2 ist der Jesus von Nazareth. Er wird sich mit Jesus1 wiedervereinigen und diesem einen Erwachsenenleib in der verklärten Welt, das ist im Paradies verleihen.

Jesus1 und Jesus2 sind Aspekte desselben Gottes, der Liebe: Jesus1 ist das Sein Jesu im Zeitlosen (im ewigen Logos-Meer des Vaters und im Stamm des Baumes der Erkenntnis von Gut und Bös); und Jesus2 ist das Sein Jesu in der Zeitlichkeit, in der Welt in Nazareth.

Jesus3: Wer aber ist Jesus3? Was soll ein grausamer Räuberhauptmannssohn mit dem Mensch gewordenen Gott zu tun haben? – In der Tat nicht viel. Genau so viel wie die Kirche, die Christus predigt und Psychoterror, Kriege, Ketzerverbrennungen und Pharisäertum hervorgebracht hat. – Mit diesem «Schlüssel» zum Verständnis des Buches Die Räuber wird klar, dass Jesus3 sterben wird. Joseph findet übrigens eine große Ähnlichkeit zwischen Jesus2 und Jesus3. Aber sie ist nur äußerlich, wie man bald erfährt.

Jakob repräsentiert fraglos das Judentum, wobei Jakobus abwesend ist und im Verdacht steht, er wolle den Vater stürzen und die Führung der Räuberbande übernehmen [dies ist wohl eine Erinnerung an diverse antisemitische Verschwörungstheorien betreffend die Juden, die angeblich die Weltherrschaft anstrebten].

Dymas hieß der Schwiegervater von Priamus, des Königs von Troja, Repräsentant der Stadt zwischen den Kontinenten, sozusagen Repräsentant der «Globalisierung». Dymas ist aber – übereinstimmend mit der Sunise-Geschichte und der zypriotischen Pilatus-Prozessakte (4.Jh.) – der Name des Räubers, der zur Rechten Jesu gekreuzigt wurde. Er ist, im Gegensatz zu den andern Räubern, mit minimalem Gerechtigkeitssinn ausgestattet. Zu ihm sagt Jesus2 am Kreuz: Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.

Gemas ist Dymas' Lieblingssohn. Er wurde gemäß Prozessakte zur Linken von Jesus2 gekreuzigt. Dymas und Gemas können für alle nicht dem Christentum zugeordneten Völker, Kulturen und Religionen stehen, z.B. auch für die im 18. und 19. Jahrhundert revitalisierte griechische Kultur, oder für die im 20. modisch gewordene buddhistische oder persische mit Zarathustra usw.

Jesus3 ist von Dymas zur Wache bestellt. Er schläft aber, als Joseph aus der Grube klettert und sich unvermutet unter ihnen befindet. Jesus3 erwacht, als Joseph seine Eselin, die von den Räubern gestohlen wurden, bei den Tieren der Räuber stehen sieht und mitnehmen will. Jetzt schlägt Jesus3 Alarm und Joseph wird festgenommen. Jesus3 fragt Joseph nach dem Woher, Wohin und Warum. Joseph aber ist stumm. Jesus3 droht, ihm die Zunge abzuschneiden, wenn er nicht antworte. Als Joseph die Fragen durch Pantomime zu beantworten versucht, wird offensichtlich, dass er nicht reden kann, auch wenn er möchte. Dymas ist inzwischen hinzugetreten und erkennt am Verhalten der Eselin, dass diese Joseph gehört, und dass Joseph also der Mann ist, der um Gnade für seinen Sohn gebettelt hat. Joseph leugnet zwar drei Mal, mit Jesus2 etwas zu tun zu haben. Das erinnert an Petrus. Joseph leugnet, weil er fürchtet, den Seinen könnte zu Ohren kommen, dass er noch lebt. Für Dymas aber bleibt klar, dass Joseph der Besitzer der Eselin ist.

Dymas lässt den Joseph (von dem wir nachgerade wissen, dass er die wahren Werte der christlichen Ethik, den Einklang der Liebe mit dem freien Willen, also die Barmherzigkeit personifiziert) nicht umbringen, sondern fesseln. Nur am Tag, wenn er für die Räuberbande Knechtdienst leisten muss, werden ihm die Fesseln abgenommen.

Im Kapitel 69 sind die Räuber auf der Flucht vor irgendwelchen Häschern. Joseph reitet gefesselt mit. Da fällt Jesus3 vom Pferd (Metapher z. B. für die Reformation?) und ist bewusstlos, kann also nicht mehr reiten. Da befiehlt Dymas (hier z. B. als Metapher eines Karl V.?), Jesus3 aufs Pferd von Joseph und an denselben zu binden; so reitet Jesus3 (die Kirche) nur dank der Barmherzigen als Rückenstütze weiter (das heißt: Nur dank der Christen, welche die wahren Werte des Christentums in ihrem Herzen haben. In dieser Art kann die ganze Räubergeschichte durchleuchtet und deren Inhalt als harsche Kritik an der europäischen [Kirchen-]Geschichte verstanden werden).

Nach vielen Tagen hat Dymas Vertrauen gefasst in Joseph und lässt ihm die Fesseln abnehmen. Jesus3 warnt allerdings davor (!) und verhöhnt Joseph (!). Gemas findet Anzeichen, dass der abwesende Jakob den Vater Dymas stürzen will. Jesus3 bestreitet das heftig und versucht die Räuberbande auf seine Seite zu bringen. Wenig später aber beobachtet Joseph zufällig, wie Jesus3, der sich unbeobachtet fühlt, auf einer Wiese mit Steinen dem Bruder Jakob geheime Signale setzt, um diesem den Weg zur Räuberbande zu weisen (S.312). Jesus3 bemerkt aber Joseph und schlägt auf ihn ein, bis ein anderer Räuber ihm Einhalt gebietet. Jetzt fürchtet Joseph, Jesus werde ihm nach dem Leben trachten.

In der folgenden Nacht sieht Joseph am gegenüberliegenden Berghang ein Bauerngehöft und eine Frau mit einem Krug. Als alle schlafen, wird die Räuberbande von einem Dämon heimgesucht – ob Joseph dies träumt oder als Vision erlebt, ist unerheblich. Der Dämon heißt Grausamkeit und er bestreicht allen die Lippen mit Blut. Aber nur Joseph erwacht davon. Einer von Dymas Leuten erwacht vor den andern und spielt auf einer Flöte, geschnitzt aus einem Menschenknochen. Die Flöte hat nur drei Töne, die nicht zueinanderpassen. Am «Rande der Töne» vernimmt Joseph Menschschreie. Und Joseph ahnt das blutige Grauen kommen, welches der Dämon verschmiert hat, und sagte sich: Ich muss die Räuber dazu bringen, mich wieder zu fesseln, damit ich nicht mithalte bei den Grausamkeiten; denn der Dämon hat auch mich verschmiert. Und er sticht die Wasserschläuche an, schlitzt die Getreidesäcke auf und zerschlägt die Krüge, bis sich die Räuber auf ihn stürzen. Joseph wird bewusstlos geschlagen. (Der Barmherzige hat also sich selbst die Frage gestellt: Wäre es möglich, dass ich mitgerissen würde von der dämonischen, lüsternen Grausamkeit? Und er denkt: Es ist vorsichtiger, dass ich mich fesseln lasse, durch ein Verhaltensgesetz, das mich hindern wir, Unrecht zu tun. Und siehe da: Die Fesseln bewähren sich in der allgemeinen Umnachtung, von der tatsächlich auch Joseph erfasst wird.)

Als er erwacht, ist er an Händen und Füssen gefesselt und sieht all die Gräuel und Plünderungen, welche von den Räubern auf dem Bauerngehöft verübt werden. Selbst aber steht er auch unter dem dämonischen Einfluss und möchte schreien: «Macht mich los, ich will mitmachen bei dem Morden, Niederstechen und Plündern.» Aber Joseph ist stumm. Rauch verhindert ihm die Sicht. Da tritt die Frau, die den Krug getragen hat, aus dem Rauch hervor und wäscht ihm mit Wasser die Lippen (S.318). Die Frau aber ist ganz schwarz. Also könnte die Plünderung des Gehöfts ein Metapher sein für die Kolonisation Afrikas? Die Szene mit der Frau von Bethlehem bleibt mysteriös. Die späteren Massaker an den Pilgern, beziehen sich wohl auf die Gräuel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im 74.Kapitel (S.319), nach dem Morden und Plündern des Gehöfts, schiebt Jesus3 die Hauptschuld auf Joseph, weil er, um unschuldig zu bleiben, die Nahrungsmittel verdorben habe:

(S. 321) Denn hättest du dein Leben heute Morgen nicht zu retten versucht, (...) wäre kein Hunger, kein Gedanke an Durst uns gekommen. Und niemand hätte gesprochen: Woher nehmen wir's uns? (...) Weil du aber selbst unschuldig bleiben wolltest und andere listig zwangst, dich zu binden, um ja nicht schuldig zu werden, gib dir jetzt alle Schuld!

Da richtet sich Joseph betend an Gott: S.323

Wessen Sünde ist so groß, dass sie durch den Tod des Sohnes gesühnt werden müsste? Stumm hast DU mich gemacht (...) hältst mich angebunden unter Sündern und machst mich zu ihrem Sklaven. Und DU lässt mich bestreichen vom Engel mit Blut (...)
Du verfährst mit mir, wie du willst.

Die Räuber lagern in einer Höhle, die zwei Eingänge hat. Dymas fürchtet immer noch einen Angriff von Häschern oder der Horden Jakobs. Ein Teil der Räuber glaubt aber Jesus3, der sie zu beruhigen versucht. Jesus3 stellt sich als Wache an den einen Eingang der Höhle. Als alle neben ihren Waffen eingeschlafen sind, füllt sich die Höhle wegen eines Gewitters mit Pilgern, unter ihnen sind auch Neith als kleines Mädchen und ihr väterlicher Gefährte, der Sklave Phylakos. Die Pilger bemerken die schlafenden Räuber nicht. Kaum sind alle in der Höhle, schlägt Jesus3 Alarm. Er hat damit so lange gewartet, weil er im Dunkeln selbst glaubte, es seien Männer seines Bruders Jakobs, denen er Dymas' Aufenthalt verraten hat. Die Räuber erwachen und nun hebt ein grausiges Schlachten an. Die Räuber meinen zuerst, es seien die erwarteten Verfolger und schlagen zu, lassen dann aber nicht ab vom Morden, als sie erkennen, dass die in die Höhle eingedrungenen Menschen Pessach-Pilger (Passah-Pilger) sind und dass es etwas zu Plündern gibt. Neith und Phylakos verstecken sich in einer Nische. Joseph sieht es und es gelingt ihm, die mordenden Räuber von der Nische abzulenken, sodass die beiden überleben.

Dymas wird in diesem Getümmel ein Ohr abgeschlagen (Erinnerung an Malchus!); Dymas sagt, einer der eigenen habe dies getan, nicht aber, dass es Jesus3 (Petrus!) war. Joseph (die Barmherzigkeit) näht mit dem Nähzeug einer Totgeschlagenen das Ohr wieder an. Nach der Schlächterei entsteht ein Streit zwischen Dymas und Jesus3: Dymas wird den Verdacht nicht los, und beschuldigt Jesus3, er habe ihn verraten wollen und die Pilger, im Glauben es seien Jakobs Horden, in die Höhle eindringen lassen. Joseph3 bestreitet das heftig. Während dieses Wortgefechts gibt Joseph einem Schwerverwundeten zu trinken. Jesus3 sieht es und nutzt die Gelegenheit, vom Thema abzulenken. Er verhöhnt die Barmherzigkeit des stummen Josephs und drückt ihm sein Schwert in die Hand. Dann befiehlt er ihm, er müsse den zum Höhlenausgang Kriechenden, den er gelabt hat, niederstechen. Joseph verweigert das. Da nimmt Jesus3 die Hand Josephs, die das Schwert hält, und führt sie kaltblütig grausam, sticht mehrmals zu, bis der Kriechende sein Leben aushaucht. (345/346) Die Szene ist von unüberbietbarer Grausamkeit, nicht nur die Tötung des Hilflosen an sich ist abscheulich, sondern die Steigerung des Sadismus, indem Jesus3 Josephs Hand zur Gräueltat missbraucht. Höhnisch lachend wendet sich Jesus3 den andern grausigen Rohlingen zu und bemerkt nicht, dass Joseph jetzt hinter ihm das Schwert schwingt und ihn durchbohrt. Joseph3 ist tot. (Mit den Allegorien Joseph=Barmherzigkeit, Jesus3=Kirche, Dymas=weltliche Macht wird klar, was die Szene darstellt: Die historische Tatsache, dass der Missbrauch der Hand der Barmherzigkeit durch die Kirche, derselben den Untergang bringt. Man denkt z. B. an das Schlachten der Albigenser unter dem Vorwand, Glaubenstreue aus Barmherzigkeit vor Häresie und Hölle zu schützen, usw.)

Jetzt verkündet Dymas den Räubern alles, was er über den gemeinsamen Verrat des Jakobus und des Jesus3 weiß. Es ist viel mehr, als die Räuber geglaubt haben. Und Dymas nennt auch das Motiv der Brüderpaars Jesus3 und Jakob: Das Motiv war Eifersucht auf den Halbbruder Gemas, der von Dymas bevorzugt wird. (Eifersucht der Kirche auf die Macht, die der Herrscher dem weltlichen Stand und nicht der jüdischen oder christlichen Priesterkaste zukommen lässt) Dann gibt Dymas das Schwert des Jesus3 dem Joseph (Das Schwert, Symbol der Gerechtigkeit, wird von Dymas, der weltlichen Macht, Jesus3, der gestorbenen Kirche, abgenommen und der Barmherzigkeit – den Menschenrechten? – übergeben?). Und Dymas erklärt – gegen Josephs Willen – dieser sei jetzt einer der ihren. Joseph bekommt auch die Kleider und den Gurt von Jesus3. Das Seil den ungefärbten Stoffstreifen aber behält Joseph an sich. Dymas erklärt, er wolle den Jordan überschreiten und dabei die Leiche seines Sohnes im Fluss waschen (Die weltliche Macht will im Nachhinein die abendländische Geschichte reinwaschen?).

Im 80. Kapitel «Die Stimme» hadert Joseph weiter mit Gott, weil er überzeugt ist, dieser fordere von ihm weiterhin das Opfer Jesus2. Andererseits beginnt Joseph doch auch langsam zu zweifeln, was Gott wirklich von ihm will. Er stellt sich vor, Gott spreche (S.352):

«Glaub nur nicht, du hättest mir je dich verweigert! Denn wer ließ dich innehalten, dass du ergriffst den Entschluss: 'Ich weigere mich Seinem Befehl'? War's nicht ein Stummer [der Aufseher mit verstümmelter Kehle] gewesen, der herbei ritt (...) Sage mir doch, wer hatte versammelt die Löwen? (...)

Wer hat … (usw.) ...
Glaub nur nicht, du seist's gewesen!
Ihr seid alle austauschbar.
Da antwortete Joseph und sprach zu Gott:
Austauschbar bin ich, sagst Du. Aber du lässt nicht von mit.
Machtlos bin ich, ich weiß. Aber mächtig bist du in mir.(...)
Wer aber, sage mir, gab Dir Anlass, zu senden den Reiter?
Wer war's, der bei der Rückkehr nach Nazareth sah
die Augenpracht Deines Vogels und hielt an der Mauer?
Wer war's, der hinaufstieg
[usw.] Wer (usw.) Wer (usw.)
Wer ließ sich greifen, auf dass er erlerne bei Deinen Ungeheuern
das Rauben, Brennen, Morden? …
(usw.)
Wer … (usw.)
Wer … (usw.)
Wer redet mit Dir und nennt keinen andern und
tauscht dich nicht aus, weil er weiß, Wer ihm geschieht
(...)
Da kam über Joseph STIMME [<<im Original auch Großbuchstaben]
Du bist es. Dich wählte ich. (...)
Fing dich ein, fing dich an. (...)
Denn keinen andern will ich im Tausch, als den, den ich mir erwählte zum Liebsten.
So sprach ER, Gott, und Seine Stimme war die einer Frau, die zu Joseph gesprochen.


Jesus3, die Kirche, ist nun also tot (Prophetie fürs 21. Jahrhundert?), und zwar durch die Hand dessen, der Jesus2 wirklich liebt, durch die Hand des barmherzigen Joseph.

Beim Überqueren der Furt des Jordans greift von hinten aus dem Nebel heraus Jakob seinen Vater Dymas an. Joseph kann sich durch Sprung vom Pferd retten, lässt sich im Wasser flussabwärts treiben und versteckt sich im Schilf. Dort findet er seine Eselin im Ufersumpf festgehalten.

Die Zeilen von S.357 von «Joseph aber vernahm auch die Sucher im Schilf ...» bis S. 359 «... Als wollte sie aufstehen für ihn.» sind etwas vom Schönsten, Dichtesten was ich je gelesen habe! Alleine um dieser Zeilen willen lohnt es sich, das Buch zu lesen. Mehrmals in Sunrise wird darauf hingewiesen, dass sich Joseph nach den Seinen sehnt; hier aber, im Text der Seite 358 ist diese Sehnsucht auf unglaublich schöne, einfache, ergreifende Weise beschrieben, so zart und liebevoll, dass man kaum mehr loskommt von den vierzig oder fünfzig Zeilen. Lange verweilen möchte man bei ihnen, wie es einen nur bei wunderschönen Gedichten überkommt. Ähnlich ergeht es dem Leser auf S.467 beim rührenden Abschied von Neith und ihrer Ziehmutter Sedula, oder auch bei der Szene mit der Kuh S.287. Wegen dieser drei bewegenden Szenen lohnt es sich, Sunise zu lesen; ihre volle Wirkung entfalten sie allerdings nur, wenn man die Gräuel der übrigen vierhundertachtzig Seiten hat über sich ergehen lässt.

Jakob geht aus dem Räuberkrieg als Sieger hervor und sammelt die Toten ein. Dymas und Gemas sind nicht darunter. Jakobs findet die Leiche seines Bruders Jesus3, die Dymas im Jordan waschen wollte. Joseph wird als Gefangener dem Jakob vorgeführt und dieser erkennt Schwert und Gurt seines Bruders an Josephs Seite. Da wird Jakob zornig und will Joseph enthaupten. Aber einer seiner Rotte hindert ihn und bringt Neith und Phylakos herbei, die er in der Höhle unter den niedergemetzelten Pilgern gefunden hat, und diese beiden bezeugen, dass Joseph bei Dymas ein Gefangener und Gefesselter gewesen ist. Jakobus glaubt nur halb, dass Joseph nichts mit der Ermordung seines Bruders zu tun hatte. Er reißt dem Joseph die Kleider von Jesus3 vom Leib und lässt ihn nackt und von Räubern bewacht Holz sammeln für die Feuerbestattung von Jesus3.

Der tote Jesus3 liegt auf dem Scheiterhaufen. Als ihn die Flammen schon umzüngeln, befiehlt Jakob dem Joseph, auf den Scheiterhaufen zu klettern und das Schwert des Toten diesem zur Seite zu legen. Anschließend muss Joseph auch noch das Kleiderbündel, das Jakob ihm vom Leibe gerissen hat, ins Feuer tragen. In dem Bündel indes verstecken sich das Seil und der ungefärbte Stoffstreifen. Joseph bemerkt diese ihm unschätzbar wertvollen Gegenstände erst, da die Flammen das Bündel öffnen. Es gelingt ihm, das Seil zu retten und an seinen Fuß zu binden. Den Streifen aber suchen seine Finger vergeblich in den Flammen. Und da spürt Joseph plötzlich die Hand Jesu nach ihm greifen. Joseph erkennt Jesus2 statt Jesus3 in den Flammen; dieser Jesus2 hält das Seil und zieht Joseph zu sich, und seine Augen sprechen: Bleib bei mir! Die Flammen steigen und entzünden Josephs Haar. Da aber springt er hinunter vom Scheiterhaufen und bleibt bewusstlos liegen. Erst später erfährt man, dass Neith im die Haare gelöscht hat. (Die Szene ist selbstverständlich wieder überhäuft mit Metaphern, die nach dem Gesagten nicht expliziten Kommentars bedürfen)

Dann folgt das Kapitel «Das Gesicht». Es ist nicht ganz klar, ob Joseph «das Gesicht» träumt oder ob es eine Vision ist. Letztlich spielt das auch keine Rolle. Jedenfalls liegt er in einem Nachen, an dessen Boden Planken fehlen. Durch die Lücke sieht er ins Wasser, ohne dass es in den Nachen dringt. Das Wasser ist der Jordan, der weit über die Ufer getreten ist und das ganze Tal füllt. Über das Freibord zur Küste blickend sieht Joseph von allen Bergen ringsum Blutbäche in verzweigten Strängen die Hänge hinunter ins Wasser sich ergießen. Wenn er aber durch die Plankenlücke blickt, sieht er, wie die Blutströme wie Seile oder Schläuche sich in der Tiefe des Wassers sich fortsetzen. Und immer tiefer schaut Joseph, tiefer und tiefer, und sieht «alles Blut, das je war vergossen»; und die Blutbahnen führen alle zum selben Ort in der tiefsten Tiefe, zu einer gläsernen Kiste.

Der kammergleiche Kasten war Urne und Wiege zugleich. War knochenbleich glühend. (...) Denn es war eine Schwitzkammer, in die Joseph hinabsah, Kammer riesiger Ausmaße. Und in der Kammer saß einer.. Dem zuliefen bindend und sich an ihn windend, ihn speisend-besprühend, beträufelnd, begießend: die Stränge und die Seile und die blutführenden Traufen der Fäden. (...) begoss den, der da saß in der Kammer (...) und der trug eine Krone. Die Krone des Königs. Und der war der Grausamste der Grausamen, das Ungeheuer, das Joseph sah (...) Der da sitzt, saugt auf und trinkt und schwitzt selbst das Blut und vergießt und trinkt es in Strömen. (...) Und es erhob das Ungeheuer sein Angesicht (...) Und der Blick des Angesichts trifft heraufhin durch die Öffnung im Boden des Nachens auf Joseph. (...) Da, getroffen vom Blick, erkennt Joseph, jenseits der Grenzen alles Geschehenen, jenseits des Sehens, jenseits allmöglicher Sicht: SEIN Angesicht. Erkennt, dass es Gott ist ... Und sieht Gottes Angesicht und erkennt IHN: gebunden. Gefesselt an Strängen und Seilen ... Verzerrt war von Leid, von maßloser Qual, das Angesicht, das heraufsah zu Joseph. Und Joseph entsetzt sich vor IHM, der so leidet. (...) Zu spät reißt er die Hände vor Augen, sich vor den Gesicht des Angesichts zu schützen (...) Da hörte Joseph die Worte: «Heute habe ich dich gezeugt. Neuerschaffen hast du die Welt.

Joseph erwacht aus dieser Vision, aus diesem «Gesicht» und ist blind. Jemand stützt ihn. Er weiß nicht wer. Der ihn stützt fragt: «Siehst du mich nicht?» Und jetzt erkennt Joseph Gemas' Stimme. Und er hört Dymas Stimme: «Hörst du uns?». Joseph nickt und erfährt, Jakobs Räuberbande sei abgezogen und habe ihn liegen lassen. Dann trägt Gemas Joseph durchs Wasser auf die andere Seite des Jordan.

Das Gesicht hätte ich klar als eine Vision des Teufels bezeichnet, wäre nicht ausdrücklich gesagt: «Und sieht Gottes Angesicht und erkennt IHN». Selbstverständlich ist es dem Leser unbenommen, zu denken, was er für richtig hält; also zum Beispiel, Joseph habe seine Vision Neith erzählt, so wie er sie damals erlebt hat, vielleicht aber später dann die Deutung revidiert. Oder: Wir haben alle gelegentlich Albträume und sind froh, sie bald vergessen zu haben. «Der Grausame der Grausamsten» kann ja doch wohl nicht Gott sein, jedenfalls nicht der des alten Testaments, und schon gar nicht der des neuen, in welchem von Gott gesagt wird, er sei der gütige, versöhnliche Allerbarmer, der die Liebe selbst ist, usw. Daniel Weidner schließt seine Rezension zu Sunrise unter dem Titel «Erzählzauber und Opfergrauen» mit den Worten:

Vielleicht, so spürt man hier, ist die "Religion" des Textes eher hier: Sie ist nicht mehr einfach Sehnsucht nach Präsenz, sie besteht nicht mehr in den Bildern der heilen Welt und der Heilung als vielmehr in Schreckensfantasien und Angstträumen. Vielleicht ist Religion eben nicht nur Glauben und Vertrauen, sondern auch Grauen – und vielleicht ist dieses Grauen uns sogar oft viel näher als wir denken, näher als jenes Vertrauen sogar. Dass der Text diese Schicht berührt, macht ihn radikal, dass er sie nicht immer kontrollieren kann oder will, ist nur konsequent.


6. BUCH: DAS GRAB

Zu dritt wandern Dymas, Gemas und Joseph 4x4=16 Jahre bettelnd durchs Land und werden von den Leuten wie Lepröse gemieden, weil Joseph «geprägt» ist und die Leute entsetzt. Joseph verließ die Seinen, als Jesus2 dreizehn Jahre alt war; zur Zeit der Räuberschlacht am Jordan etwa 16-jährig (?), also nach den weiteren 16 Jahren 32 Jahre alt. Man ahnt schon: Es ist das Jahr der Kreuzigung von Jesus2.

Neith ist mittlerweile, zusammen mit Phylakos, an einen wohlhabenden, doch guten Herrn in Jerusalem verkauft worden: an Joseph von Arimathäa, wie man später erfährt. Joseph v. A. ist krank geworden und glaubt, dass er bald sterben werde. Viele denken, er sei krank, weil ihn seine Frau verlassen hat. Niemand weiß, wo sie ist. Doch eines Tages kommt ein Händler mit der Nachricht, seine Frau habe ihn nicht um eines andern Mannes willen verlassen; vielmehr folge sie einem «Propheten». Schnell errät der Leser, dass es sich bei diesem «Propheten» um Jesus2 handeln muss. Der Händler erzählt, dass er einmal durch eine Mauerritze habe beobachten können, wie der Prophet ein Kleinkind, das in einer Wanne ertrunken war, wieder zum Leben erweckte. Die Episode ist bemerkenswert, weil Jesus2 das Kind dadurch wieder zum Leben erweckt, dass er sich vollkommen mit ihm identifiziert: Er taucht das Kind ins Wasser der Wanne (vgl. oben: Symbolik des Wassers), ganz unter Wasser, so, wie man es ertrunken gefunden hat, und blickt es an. Der beobachtende Händler beschreibt den Blick Jesu auf das Kind mit den Worten:

...was war dieser Blick? Nicht, als liege da in den Wassern sein Kind, sah er hin und hinab. Sondern: Als liege er da. Er selbst. Als sei er es, der da trunken lag unter Wasser.

Also ist (wie bei der Kreuzigung des Ägypters) wieder das Besondere die Intensität der Identifikation (der Empathie) Jesu mit den Menschen, hier sogar mit einem Säugling. Empathie auch mit dessen Mutter, die wohl nicht zufällig eine Sklavin ist. Das Mitleiden, Mitfühlen, Erbarmen, kurz: die Liebesfähigkeit ist die herausragende Eigenschaft Jesu und seines Ziehvaters Joseph.

Eines Tages lässt der kranke Joseph v A. Neith zu sich ans Krankenbett kommen. Neith glaubt zunächst, ihr Herr habe entdeckt, dass sie schwanger ist, und wolle sie entlassen. Von wem (oder ob überhaupt von einem Menschen?) sie schwanger ist, bleibt offen. Aber sie hat sich geirrt: Joseph v. A. hatte einen Traum, er solle sich ein Grab bauen lassen; er weiß nach dem Traum auch wie, wann und wo: Neben dem Grab eines Freundes soll es in den Fels am Berge Golgatha gehauen werden. Neith bekommt Geld, um den Auftrag auszuführen. Sie geht auf den Markt, um Taglöhner anzuheuern und findet dort Dymas, Gemas und Joseph, die bereit sind, das Grab aus dem Fels zu hauen. S.403 erzählt der Joseph v. A., er habe im Traum von seinem Tod und Begräbnis geträumt, aber nicht wirklich gewusst, ob er der Tote war oder ein anderer:

«Denn der Tote war mir fremd und war zugleich vertrauter als alle, die ich kenne und je gekannt. Ich war aber im Traum ebenso der, den sie hoben ins Grab».

Dymas und Gemas hauen den Stein aus dem Felsen, der blinde, stumme Joseph aber, einem Seil entlang sich tastend, trägt den Schutt weg. Die Arbeit nähert sich dem Ende. Da sehen Dymas und Gemas, wie einer zur Richtstätte geführt und gekreuzigt wird. Weil Joseph blind ist, schildert Dymas ihm minutiös die Kreuzigung.

Ich kann nicht viel mehr über diese Szene sagen, da ich nach einigen Zeilen zum nächsten Kapitel 104 sprang. Auch Joseph hielt Dymas' Beschreibung nicht stand: Er flüchtete ins Grab und wurde dort bewusstlos. Das beruhigte mich. Ich war also nicht der einzige Schwächling, der solche Scheußlichkeit nicht annehmen kann oder will. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Autor über viele Seiten Qualen, Abscheulichkeiten und Grausamkeiten meisterhaft schildert, ohne eine gewisse Freude an seiner Meisterschaft zu haben. Darum disqualifiziert sich eine meisterhafte Schilderung (oder willentliches Aufnehmen qualvoller Geschehnisse) selbst als eine Art Lust an Qual (d.h. eine Art Sadismus). Jedenfalls habe ich, wie Roths Joseph, nur den Anfang der Reportage des Grauens aufgenommen, den Rest aber übersprungen.

Nach der Kreuzigung (bei der es sich nicht um jene von Jesus2 handeln kann) ist Joseph nicht mehr stumm und erzählt nun Neith seine Lebensgeschichte, während Neith ihrem Herrn (Joseph v. A.) das Totenhemd webt (man denkt an das Turiner Grabtuch). Joseph hilft ihr bei der Herstellung des Textils (Textes) so, dass ein Fischgratmuster (Fisch=Ichthyos=Christussymbol: I wie Iesus, CH wie Christus T wie Theos, Y-wie Hyos=Sohn), S wie Soter=Retter) entsteht.

Erst hier (S. 421) wird die Rahmenerzählung als solche abgebrochen. Monoimos und Balthazar melden sich wieder zu Wort und stellen Fragen. Ihre Frage, woher Neith wissen könne, dass Joseph ihr die Wahrheit erzählt habe, führt dazu, dass Neith ihre Identität preisgibt und damit verrät, dass ihre Lebensgeschichte mehrfach mit jener von Joseph verwoben ist (vgl. oben das Fischgratmuster); dies wurd sowohl Neith als auch Joseph selbst erst bewusst, als sie einander ihre lebensgeschichten erzählen.

Bei der Erstlesung von Sunrise erfährt also auch der Leser erst jetzt, dass Neith identisch ist mit dem von Joseph aus dem Feuer geretteten Säugling und mit dem Pilgermädchen in der Räuberhöhle. Auch die Identifikation des Herrn der Sklavin Neith mit dem biblischen von Joseph v. A. wird für die letzten Buchseiten aufgespart. Damit gelingen dem Autor zwar Schluss­überraschungen; andererseits ist es schade, weil der Leser bei der Erstlesung sehr viel Tiefsinniges nicht erkennen kann.

Die späte Bestätigung der Erzählung durch die Erzählerin ist zwar per se ein tiefsinniger Gedanke, der ans Fundament jedes Glaubens rührt: Glauben bedingt immer, jemandem zu glauben (auch im Falle, dass man den eigenen Augen, Träumen, Gesichten glaubt oder eben nicht glaubt). Der Glaube im religiösen Sinne indes ist letztlich stets ein Glauben an innere, «stumme Stimmen», die der Autor «Erfahrungen» nennt. Und Neith sagt (S. 458f), als Monoimos und Balthazar nicht nur durch lebendige Zeugen, sondern auch durch Orte (das Grab) oder Gegenstände (ein Stück Holz, ein Knochen) Bestätigung heischen:

Was für Seelenkrüppel sind das, die von andern bestätigen lassen, was sie – wenn sie's erfahren – nur erfahren in der Seele innerster Höhle? (...) Wenn ihr den Ort (diese innerste Höhle) nicht findet, ihn aber wirklich sucht, umgeht alle Bestätigung! Flieht die Bestätiger!

Auf S.468 wird dann die Mann-Frau-Geschlechtersymmetrie vervollkommnet: Neith die (fragliche) Halbschwester von Jesus von Nazareth (also die «Tochter Gottes», weil im gekreuzigten Ägyptersklaven Gott zur Erde kam) bekommt eine «Ziehmutter» (Sedula). Solche «Enthüllung» wirkt in dem poesievollen Buch, welches die innerste Höhle (die Jungschen Archetypen, das kollektive Unterbewusstsein, das Herz) als Quelle tiefsten Erkennens lobpreist, hirnlastig und aufgesetzt, nach wohlüberlegter amerikanischer «political correctness» riechend. Manchmal fragte ich mich, warum der Autor sich nicht gründlicher zu Herzen genommen hat, was Neith am Schluss des 108. Kapitels (S.473) sagt:

«Vergesst, was ihr wusstet! Denn nicht, wie ihr wollt, fügt sich, was zusammen gehört.»

Selbstverständlich ist auch das 6. Buch voll Symbolik und Anspielungen (Neiths Weberschiffchen wird «Nachen» genannt, weil es Joseph an die Schaudervision des blutrünstigen Gottes erinnert usw.). Die Dichte von Tiefsinn wirkt gelegentlich etwas überladen und die «Auflösungen» (Phylakos erkennt die Räuber, verrät sie an die Römergarde und sie werden zur Rechten und zur Linken «des Kreuzes» gekreuzigt: S.488 usw.) durch ihre Menge ermüdend.

Zu guter Letzt bekommt Neith Wehen und gebiert Zwillinge, in Josephs Gegenwart, im Grab des Joseph v.A., im Grab, das zu Jesu Grab und zum Ort der Auferstehung wird.

(… die Nähe von Geburt und Tod wäre damit einmal mehr literarisch festgemacht).

Und zu dieser Zwillingsgeburt singt Joseph den «Psalm der Geburt» S.489:

Heilig und rein nannte die Stimme des Lieds die Stätte, darin ich lag. Heilig und rein das Herz der Gebärenden. Heilig und rein, also heiligend, reinigend: den, der berührt, was sie sonst abtun als Schmutz und Beschmutzung und geboten sind, nicht zu berühren. Denn was für unrein hielt die Welt, das nannten rein die Worte des Psalms der Geburt, nannten es Schöpfung und heilig und rein. Und es sang Weltanfang die Stimme des Psalm ...

Joseph singt nicht nur, er betätigt sich auch als Hebamme und wickelt die Neugeborenen in ein Stück Tuch, das er abschneidet vom Grabtuch (noch mehr Symbolik!), das Neith für Joseph v.A. gewoben hat, letztlich aber das Leichentuch dessen wird, der auferstehen wird. Nach dem Gebären schläft Neith ein. Joseph aber will sich erheben und stößt den Kopf an Holz. Da nimmt er die Lampe (also doch klassisches Krippenspiel?) und merkt, dass er sich unter einem Tisch befindet und beim Aufstehen den Kopf an die Tischplatte gestoßen hat. Er kriecht unter dem Tisch hervor. Und jetzt sieht er einen endlosen Tisch festlich geschmückt: der Tisch des Herrn im Reiche Gottes.

Hier dachte ich als Leser: Man kann alles übertreiben. Die dichte Nachbarschaft von Geburt und Tod braucht keinen Dichter zur Verdichtung. Ebenso wenig die Schönheit und Seligkeit der Gottesnähe im Ewigen der Schöpfung. Ein Dichter sollte sich in Schranken halten, dicht bleiben

Der «Tisch des Herrn» ist gleichsam eine Zeitgerade: Joseph sieht alle Vorfahren – schön brav in der Reihenfolge von Matthäus' Geschlechtsregister bis hinunter zu Abraham, dann (gemäß AT-Registern) bis Adam. Aber auch (vom Jahre 32 aus betrachtet) die künftigen Generationen sind da, bis zu jenem Platz, auf dem der «Heutige» sitzt. Joseph schreitet sie alle ab, leuchtet sie alle an mit seiner Lampe.

Der Tisch verlängert sich also von Tag zu Tag um einen Tag und reicht – o Wunder! – in Josephs Vision exakt bis «heute», was nach der Schilderung, welche die Tischmitte aufs Jahr 32 legt, etwa, grob geschätzt, bis 2012 sein dürfte).

Und alle Gäste warten erstarrt (wie die Leute in Dornröschens Schloss) auf – Joseph weiß nicht worauf (S.491). Joseph geht ums Tischende herum und kommt zurück ins Jahr 32. Und jetzt wird es hochinteressant: Plötzlich kommt Neith selbst in Josephs Vision vor (obschon sie soeben geboren hat) und spricht (S.497):

Da kehrte Joseph zurück hinabhin, den Tisch der Generationen
zurück in das frischgehauene Grab.
Als er aber eintritt ins Grab: Noch alles wartet.
Bis er kommt herein.
Und dann wartet nicht mehr.
Denn ich liege schlafend nicht länger am Boden des Grabs, sondern sitze am Tisch.
Und bei mir zu Tisch die Geborenen beide.
Und mir gegenüber stellt Joseph sich selbst, der den Tisch hat umrundet und eingesehen mit der Lampe alle, die wir gerufen.
Und ich sehe Joseph sich setzen. Neben ihm aber zur Rechten, Maria.
Und da Joseph sich setzt, wartet nichts mehr.
Zu Ende das Warten. Keines verharrt mehr.
Denn an den Tisch tritt, zur Linken der Braut, mir zur Seite der Bräutigam.
Da:Alle erheben sich, die Tafel erhebt sich.
Alles ersteht lebendig, den lebendig Gekommenen zu grüssen.


Da ist Abendmahl und ist Hochzeit und des Wartens ein Ende. Am Baum der Tafel, die sich erstreckt durch die Mitte, darin in Eins fallen Leben und Tod, sitzen Menschen und Gott, sehend, gesehen, zugewandt Auge in Auge.»

(Hier endet Neiths Erzählung und der Roman wir mit folgenden Worten abgeschlossen:)

Da schwiegen Balthasar und Monoimos. Denn sie sahen vor sich das Mahl. Und sahen sich sitzen am Tisch, hatten verharrend-wartend gesehen sich selbst. Jetzt aber waren erfasst. Und sie waren aufgestanden, beide, noch während sprach Neith. Und sie zitterten, da sie hinsahen. Und ausweichend rückwärts stießen hin an die Wand. Und nach Langem spricht Monoimos zu ihr:

«Wer bist du?»
Und Balthazar spricht:
«Wo sind wir mit dir?»
Das sagt sie und spricht: «Angekommen.»


Im Klartext: Josephs Vision bringt endlich – die ganze Welt hat darauf gewartet! – etwas Leben und political correctness in die Ewigkeit: Das «Mahl» in der himmlischen Ewigkeit entpuppt sich – zum Glück, sonst könnte es langweilig werden – als ein Hybrid von Abendmahl und Hochzeitsmahl. Wie bei der Hochzeit von Kanaan sind alle fröhlich und zufrieden, Maria ist die Braut, Joseph der Bräutigam, und Jesus ist durch seine Halbschwester Neith ersetzt, die sich – der Himmel weiß wie – vermehrt hat und sich mit ihrem Mädel und ihrem Bübchen an den Tisch setzt. Oder ist Jesus doch anwesend? Nämlich als Kirche, dem mystischen Leib Christi? Gottvater, der Schöpfer der bösen Welt, ist im Himmel jedenfalls nirgends zu sichten. Es gibt ihn vielleicht gar nicht, höchstens tief, tief unten in der Glaskiste, schwitzend und Blut schlürfend. Manichäischer bzw. marcionistischer bzw. monoimosischer geht’s nicht!


Schreibstil:

Die oben gegebenen Zitate zeigen Roths Sprachductus zur Genüge. Wenn man das ganze Buch wie ein Gedicht liest, mag solche Sprachkreativität seine Berechtigung haben. Zwar können auch in einem «Roman» ungewohntes Vokabular und poetische Satzstellung faszinierend und belebend wirken; in Sunise aber wirkt solche Sprache auf die Länge manchmal doch ermüdend, gelegentlich sogar maniriert.

S. 177 Da fiel Joseph nieder, hingestreckt auf den Felsen, und presste die Stirn an den Stein, sein Haupt an das Haupt des Berges, auf dass einbräche der Rauch in den Eingerissenen, Joseph. Und es flog in ihn, zuflüchtig, Ruch Seines Wortes. Wie Brot war's, kam Mund zu Mund.

S.198 Blieben Triefefinger und Hartherz Dir übrig, aufbewahrt in der Kapsel des Namens, wert Dir auf immer, auf weltzeit ungetilgt in Deinem Buch? ...

S.208 Denn sohnhaftig heiß stach die Flamme empor und übermuthell,

S.284 Und von Durst überwältigt trank er in ihnen, und gierig trank viel.

Und so weiter. Manchmal irritieren auch Umdeutungen bekannter Begriffe. Zum Beispiel wird der theologische Begriff «eingeboren» (abgeleitet von «unigenitus» = «der einzig geborene» = «der eingeborene Sohn Gottes») auf S.95 und S.197 ganz ungewohnt verwenden. Das ist verwirrend. Will der Autor verwirren?

Unisono loben die Rezensenten Roths «biblische Sprache». Doch konnte auch Josef Smith jun. in biblischer Manier schreiben und war deswegen noch kein literarisches Genie. Das, was Roths poetische Virtuosität ausmacht, ist nicht Bibelähnlichkeit seiner Texte (die es nur bei ober­flächlicher Betrachtung gibt), sondern die geniale Sprach­kreativität gepaart mit chronologisch minutiöses Beschreibung von Abläufen. Letzteres loben und bewundern manche Rezensenten zu Recht und treffend als Roths «Regisseurenauge».



Rezeption: Blick auf die Beurteilungen verschiedener Rezensenten:

Es macht beinahe sprachlos, dass die Erzdiözese Freiburg i.B. wie auch die Diözesanpriester des Bildungshaus Berg Moriah über Youtube das Buch Sunrise so anpreisen, als hätten sie vom Buch nichts verstanden, außer dass es vom Ziehvater Jesu handelt «Es handelt von Joseph von Nazareth, also muss das Buch fromm sein, also gut», werden sich die Verantwortlichen gesagt haben. Wahrscheinlich haben sie stichprobenartig nachgeschaut: «Kommt der zwölfjährige Sohn im Tempel vor? – Ja. – OK. Und Maria? – Ja, sogar mit blauem Tuch, also alles OK, wir können's empfehlen.» Etwa so muss die Zensur abgelaufen sein, ähnlich oberflächlich, wie andere Kontrollen in der Kirche.

Jutta Person von der Süddeutschen Zeitung findet, der Roman sei «ganz großes Kino», und doch nicht «Überwältigungsprosa», weil die Geschichte viel zu abgedreht sei, was den Sog dieses Romans ausmache, der weit weg von religiösen Heilsgeschichten führt und in Joseph einen faszinierenden Desperado vorführe (vgl. Perlentaucher).

Man kann nur staunen über solche Oberflächlichkeit einer professionellen Rezensentin!

Demgegenüber erfasst Samuel Moser in der NZZ doch immerhin einen der Schlüsselsätze in Sunrise und zitiert ihn: «Gott stürzt selbst das Ende der Schrift. Über das Buch hinaus schreibt sich's weiter. Schreibt sich aus in uns, dieses Buch.» Dann aber schreibt Samuel Moser: «Roth wählt nicht den Weg der Aktualisierung, um ihn gegenwärtig werden zu lassen, sondern den der Archaisierung. Er entwickelt seinen Joseph plausibel aus der Heiligen Schrift heraus. (...) Joseph weigert sich, weil er meint, nicht geben zu können, was er nicht hat. Noch hat er für die Paradoxa des Glaubens keinen Sinn. In seiner Naivität bietet er sich selber als Opfer an. Auch dies gehört zum «Menschen» Joseph: einfach verschwinden. Und so wird sein Name dann auch getilgt, vom eigenen Sohn.»

Diese Einschätzungen kann ich natürlich nicht teilen, ganz abgesehen davon, dass Josephs Name keineswegs vom «eigenen Sohn getilgt» wird; im Kapitel 54 «Der Getilgte» heißt es nämlich: (S.250)

Da ist's Joseph, der nicht weiß, was geschieht (...) als hörte er im Schlagen und Kratzen und Schaben, was er nun sieht: das Ausgeschabtwerden seines Namens.

Joseph hört also nur, dass vier Mal etwas geschabt wird, und er stellt sich vor («sieht»), sein Name, bestehend aus vier Buchstaben werde ausradiert, weil Joseph in der Quadratschrift aus vier Buchstaben besteht. Aber woher sollte der Name auf dem Stein stehen? Auf S.258 wird das Geheimnis gelüftet: Jesus hat nicht den Namen Joseph ausradiert (er stand ja da gar nicht geschrieben!). Sondern Jesus hat die vier Worte "Nach Drei Tagen Lebe" auf den Stein geschrieben.

Na ja, Rezensenten müssen schnell lesen und können nicht alles hinterfragen. Schlimmer ist, wie Moser das Buch «Die Räuber» beurteilt: «Es ist eine absurde Geschichte, manchmal am Rand des Komischen und der Räuberpistole, wie Joseph durch unendliche Irrungen und Wirrungen, die ihn kurzzeitig tatsächlich fast Räuberhauptmann werden lassen, zu seinem Sohn zurückfindet.» Wenn Moser den Text «am Rande des Komischen» findet, so beweist das nur, dass er nicht verstanden hat, dass Sunrise nicht einfach ein archaisierender Fantasy-Roman ist, sondern eine äußerst aktuelle Kritik an der Geschichte des Abendlands, das die Stirne hatte, sich als christlich zu bezeichnen. Archaisierung ist eben nicht das Gegenteil von Aktualisierung. Eher würde ich sagen: Joseph ist die Allegorie der Barmherzigkeit, dem absoluten Zentralbegriff des christlichen Denkens; das Buch der Räuber erzählt, was der Barmherzigkeit in der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums widerfahren ist. Wenn der Autor negiert, seine Geschichte mit diesem Hintergedanken geschrieben zu haben, dann muss man ihm antworten: Engel haben ihn geleitet und er muss im Nachhinein selbst verstehen lernen, was er geschrieben hat. So wie ich aber den Autor einschätze, hat Patrick Roth sehr wohl gewusst, was im Frühchristentum die Gemüter erhitzte (Marcion, Sabellius, Callistus usw.) und hat deren Gedanken wohl ganz bewusst in seinen «Roman» integriert.

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