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FRÖSCHE

von MO YAN (Künstlername; bedeutet angeblich «schweigen»)
ziviler Name: Guan Moye


Es ist oft schwierig, «Neuerscheinungen» befriedigend zu besprechen, weil man dabei aus Fairness gegenüber dem Autor die Pointen der Geschichte nicht verraten sollte. Die meisten Kritiker halten sich an dieses ungeschriebene Gesetz.

Allerdings sollten Werke, die beanspruchen, zur «bleibenden Literatur» zu gehören, auch dann noch lesenswert sein, wenn man den Plot kennt. Ich zähle «Frösche» von Mo Yan, (im Gegensatz zu manch andern Werken von Literaturnobelpreisträgern) zum bleibenden Bestandteil der Weltliteratur und erlaube mir daher, für jene Leser, die «Frösche» noch nicht gelesen haben, dieser Rezension eine ausführliche Inhaltsangabe beizufügen. 


REZENSION

«Frösche» befasst sich mit den grossen Fragen nach «Schuld», «Sühne» und «Wahrheit». Diese Fragen bedrängen offensichtlich nicht nur die europäische, russische und semitische Seele, sondern ebenso auch die fernöstliche. MoYan beendet das Nachwort zu seinem Roman mit dem Satz: Wenn andere sich eines Verbrechens schuldig machen, bin ich mitschuldig. Dies erinnert doch sehr an den Starez in «Die Brüder Karamasow», der da sagt (4/1): «Denn wisset, meine Lieben, dass jeder einzelne von uns unzweifelhaft für alle und alles auf der Welt schuldig ist.»

Erst wenn man bedenkt, dass es in «Frösche» nicht einfach um Regimekritik, ja nicht einmal einfach um Moral geht, sondern viel grundsätzlicher um Schuld und Sühne an sich, erst wenn man dies erfasst, wird klar, wie raffiniert und tiefsinnig die «schielende Konstruktion» ist, wie Safranski (Literaturclub SRF 5.3.13) die Rahmenerzählung abschätzig nennt: Der fiktive Autor des Buches (Wan Fuss = Renner = Kaulquappe), der als «Ich» den fiktiven japanischen Leser (Yoshito Sugitani- san) durch den Text führt, nimmt in seinem ersten Brief (geschrieben in Peking am 21. März 2002) Bezug auf einen Vortrag, den Sugitani-san in Gaomi gehalten hat. Der Vortrag hatte den Titel «Die Literatur und das Leben». Man erfährt zwar nichts über diesen Vortrag, aber der Titel weist darauf hin, dass es in dem Vortrag (wie auch im Roman «Frösche») um die Frage ging, was bedeutet in der Literatur Wahrheit? Was Fiktion? Was Übertreibung? Was Ausschmückung? Diese Frage wird auch explizit gestellt, wenn Gugu im Theaterstück (!) den Theaterautor fragt: «Ist die Theater-Gugu ich? Habe ich das wirklich gesagt, was Gugu auf der Bühne sagt?»

Wie dient oder schadet das literarische Personenmodellieren der Wahrheit? Diese Problematik wird im Roman «Frösche» immer wieder konkretisiert. Beispiel:

Gugu wird etwa 1943 (? d.h. 6-jährig) zusammen mit ihrer Mutter und der Grossmutter vom japanischen Kommandanten Sugitani gekidnapped und in Pingdu (60 km nördlich von Gaomi) als Geissel gefangen gehalten. Erst später im Roman entpuppt sich der Armeekommandant Sugitani als Vater des Schriftstellerkollegen Yoshito Sugitani-san . Gugu berichtet über jene drei Monate Gefangenschaft in Pingdu sehr unterschiedlich:

S.24.Die Tante erzählte, drei Monate lange habe sie zusammen mit meiner Urgrossmutter und Grossmutter in Pingdu gewohnt, zu essen und trinken hätten sie genug bekommen, man habe ihnen nichts zuleide getan. Sugitani sei ein blasshäutiger Jüngling mit weisser Hornbrille, dazu dünnem Schnurrbart gewesen, wohlerzogen, gebildet, mit akzentfreiem Chinesisch. Die Urgrossmutter habe er mit «verehrte gnädige Frau», die Grosstante mit «werte gnädige Frau» angeredet. Sie habe ihn sehr gut leiden können, so erzählte sie, wenn wir unter uns waren. In der Öffentlichkeit aber liess sie dergleichen nicht verlauten, da hiess es nur immer, sie, ihre Mutter und ihre Oma hätten bei den Japanern Folterqualen ausgestanden, sie seien bedroht und genötigt worden, doch hätten sie allen Qualen ohne Klagen standgehalten.

In Anbetracht der von den Japanern verübten, immer noch schmerzlich im Volksbewusstsein gegenwärtigen Kriegsgräuel könnte Mo Yans Text in China als eine Provokation gelesen werden; denn er weist darauf hin, dass es zwar vereinzelt Kriegverbrechen gegeben hat (Nanking), dass aber viele Berichte, die den Feind verteufeln, auch Propaganda sein könnten, und dass letztlich niemand genau wissen könne, was wirklich war. Vermutlich kann nicht einmal Gugu selbst, die sich je nach Zuhörer so oder so erinnert, sicher sagen, was sie als sechsjähriges Kind erlebt hat. Vielleicht hat sie tatsächlich beides erlebt; vielleicht war Sugitani tatsächlich mal so, mal anders. Die Wahrheit bleibt auch in Mo Yans Text offen, und man denkt unwillkürlich an Pilatus' Frage «Was ist Wahrheit?».

Tante Gugu (Verwandtschaft mit Renner unten) hatte einen berühmten Vater, ein weithin bekannter Feldarzt, der als gefallener Held des zweiten japanisch-chinesischen Kriegs verehrt wird.. Darum geniesst Gugu zum vornherein eine gewisse Achtung bei den Leuten. Sie ist ehrgeizig, intelligent und zielgerichtet. (S.27:) Mit sechszehn hat sie schon das Medizinstudium abgeschlossen und ist im Kreisspital tätig. Als ein Aufruf der Gesundheitsbehörde an die Spitäler erfolgt, jemanden an einem Kurs für moderne Geburtshilfe teilnehmen zu lassen, entsendet die Spitalleitung Gugu. Sie kommt zurück und sieht nun, wie abergläubisch, unsachgemäss und veraltet die Geburtshilfe der meist betagten, runzligen Hebammen auf dem Land ist. 

Ihre erste Hebammentätigkeit in Gaomi erfüllt sie an Chen Nase:

Chen Nase war das erste Baby, das sie [bei uns in Gaomi] holte [bei dem sie Geburtshilfe leistete] (...) (S.28) Sie fand nur schade, dass es der Balg eines [ehemaligen] Grossgrundbesitzers war, wo sie doch sich vorgestellt hatte, beim ersten Mal die Nachkommenschaft eines Revolutionärs auf die Welt zu holen. (...) (S.31) Meine Tante sagte: «Mit solch einer grossen Nase nenne ihn Chen Nase!» Gugu sagte es nur so zum Spass, aber Chen Stirn nickte, als habe er eine göttliche Weisung empfangen. (...)

Nach Nases Geburt gerät Tante Gugu in Streit mit der alten Dorfhebamme Tian Guihua, die bei der Geburt auch anwesend war und nun den halben Hebammenlohn (Handtücher und Hühnereier) fordert, obschon ihre Ratschläge völlig unbrauchbar gewesen waren. Gugu beschimpft die Alte:

(S.32) «Du schamloses Vieh! Was willst du hier zur Hälfte gemacht haben?! Wenn du (Gugu biss grimmig die Zähne zusammen) es zu Ende gemacht hättest, lägen jetzt zwei Leichname auf dem Bett. Du alte Hexe meinst, die Scheide der Frau sei wie ein Hühnerpo, man quetscht und hinten plumpst ein Ei heraus? Das soll Geburtshilfe sein? Ich sage dir, das ist Totschlag, Mord! Und du willst mich anzeigen?!»

Wie ein Kungfu-Meister holte sie mit dem Fuss aus und verpasste der Alten einen Tritt gegen das Kinn: «Handtuch und Hühnereier willst du?» Noch einen Tritt in den Hintern verpasste sie ihr, dann schleifte sie sie, in der einen Hand ihren Arztktornister, in der andern Hand den Haardutt der Alten, zum Hof hinaus. Chen Stirn trat aus dem Haus und wollte Frieden stiften, aber Gugu keifte ihn an: «Marsch ins Haus mit dir! Kümmere dich um deine Frau!»

Meine Tante erzählte mir, damals hätte sie zum ersten Mal in ihrem Leben jemanden geschlagen, und sie habe ja nicht gewusst, dass sie so klasse prügeln konnte. Vor dem Hof gab sie der Alten einen dritten Tritt, die kippte vornüber und machte eine Rolle, rappelte sich auf, bis sie auf dem Boden zu sitzen kam, und schrie aus Leibeskräften, während sie mit beiden Fäusten auf den Boden trommelte: «Zu Hilfe! Zu Hilfe! Totschlag ... Eine Räubertochter des Liu Wanfu hat mich totgeschlagen ...»

Es war Abend, ein wunderschöner Sonnenuntergang mit pinkfarbenem Abendrot, eine leichte Brise ging, fast alle Dörfler standen mit ihren Näpfen am Wegrand und assen zu Abend, als sie das grässliche Schreien hörten. Sie rannten zu Chens Hof und umringten die Alte. Dorfparteizellensekretär Yuan Gesicht und Brigadeleiter Lü Zahn waren auch gekommen. Tian Guihua war eine entfernte Tante von Zahn, deswegen hielt er erst mal zur Verwandtschaft und massregelte Gugu: «Schämst du dich gar nicht, Wan Herz? Ein junges Mädchen wie du und schlägt eine alte Frau?!»

Gugu erwiederte: «Wer ist dieser Knilch Lü Zahn? Dieses Vieh schlägt seine Frau, dass sie auf dem Boden kriecht, und will mich hier massregeln? Welche alte Frau überhaupt? Die alte Hexe! Todbringerin! Frag sie mal, was sie so treibt! Wie viele sind unter ihrer Hand gestorben! Kinder, hört mal her, Muttern sagt euch eins, hätte ich eine Knarre, würde ich sie auf der Stelle abknallen.» Gugu streckte den rechte Arm aus und zielte mit gestrecktem Zeigefinger auf den Kopf der Alten. Dass Gugu, damals ein siebzehnjähriges junges Mädchen, sich so titulierte, brachte viele Leute zum Lachen.

Lü Zahn wollte Tian Guihua noch verteidigen, doch der Parteizellensekretär Yuan Gesicht stand auf Gugus Seite: «Ärztin Wan hat recht. Solchen Hexen, die leichtfertig Menschenleben aufs Spiel setzen, müssen wir das Handwerk legen (...)»

Tante Gugu hat einen schillernden Tyrannencharakter: Mit gleicher Intensität, wie sie Leute beschimpft und Abtreibungen durchsetzt, wird sie später bereuen und ein Sühnegelübde erfüllen. Erstaunlich widersprüchlich zu ihrer sonstigen Brutalität erscheint auch die Szene auf S.39: Gugu kommt in einen Stall, wo eine Kuh ein Kalb nicht werfen kann; sie vergiesst Tränen vor Mitleid mit der leidenden Kuh. Ebenso vergiesst sie ungeheuchelte Tränen beim Tod von Renners Mutter. Und Gugu kann auch auf Grund von unerwartetem Mitgefühl versöhnlich sein: Nachdem Renmei bei der Abtreibung verblutet ist, rammt deren Mutter (also Renners Schwiegermutter) Gugu eine Schere ins Bein; verständnisvoll verzeiht Gugu die Verzweiflungstat, obschon sie an der Wunde beinahe stirbt. Sugitani san sagt über Gugu: S. 8: «diese [verschiedenen Gugu-] Gestalten verschmelzen zuweilen zu einer einzigen, ein anderes Mal driften sie auseinander; eine Skulpturengruppe ein und derselben Person».

Exemplarisch zeigt das Zitat von S.32  noch zwei andere Dinge (und rechtfertigt damit die Länge des Zitats):

Erstens wie der Schriftsteller an emotional prominenten Stellen Äusserlichkeiten poetisch beschreibt (...wunderschöner Sonnenuntergang...), und damit psychologisch die Gefühle des Lesers verstärkt. Dasselbe dichterische Vorgehen finden wir z.B. auch zu Beginn der ersten Verfolgungsjagd auf dem Fluss: Sie wird von Renner und Wang Leber beobachtet, die in einer Uferweide hockend fischen:

S.156: Links neben der schiefnackigen Weide war auf Geheiss der Kommune vorübergehend eine Anlegestelle für das Patrouillenboot errichtet worden. Vier mächtige Baumstämme hatte man in den Grund des Flusses getrieben, mit Draht Querhölzer daran festgemacht und darauf Bretter für den Bootssteg gelegt. Qin Strom machte das Boot fest und stellte sich vorn am Bug auf. Das Motorengeräusch erstarb, der Krach aus den Lautsprechern auch. Wir konnten nun wieder das Kreischen der Möven und die klatschenden Wellen hören. (...)

Und dann geht's los! Die Idylleg verstärkt die Wucht der darauf folgenden Verfolgungsjagd.

Zweitens zeigt das Zitat, wie schwierig es ist zu beurteilen, ob stilistische Schnitzer aufs Konto der Übersetzerin gehen (die offensichtlich zu 99% ausgezeichnete Arbeit geleistet hat) oder aufs Konto des Autors. Hat es eine Bewandtnis mit dem chinesischen Originaltext, dass da von «pinkfarbenem» statt von «rosa» Abendrot gesprochen wird, oder meinetwegen von «rosafarbenem» oder «rosa leuchtendem» Abendrot? (wobei mich auch eine Rotverdoppelung mit «rosarotem Abendrot» nicht stören würde, im Gegenteil!). Weiteres Beispiel: Da steht, Gugu sei damals ein «siebzehnjähriges junges Mädchen» gewesen. Der Leser kann natürlich nicht wissen, wie das auf chinesisch klingt (vielleicht eher wie «siebzehnjähriges Fräulein» ?)  Außerdem: Im gleichen Satz sollte vermutlich statt «sich» «sie» stehen; und weiter oben bleibt «Muttern sagt euch eins» unverständlich (vielleicht sollte es heissen «und euch Müttern sag ich eines»?).

Fast alle Rezensenten sind sich einig: Mo Yan beherrscht sein Handwerk. Er beschreibt Menschen, Situationen und Ereignisse gekonnt, lebendig, genau und faszinierend. Den Literaturnobelpreis aber hat er verdient, weil er diese seine überragende schriftstellerische Fähigkeit kombiniert mit einem versöhnlichen, empathischen Blick auf die sündigen Menschen., ohne dabei einer positivistische Anthropologie zu verfallen, in welcher es weder freien Willen noch Schuld gibt. Nicht das moralische Versagen des Menschen, der sich mit Fanatismus einer Ideologie verschreibt, interessiert ihn, sondern seine Mitschuld an der Entwicklung von Ideologien. Und die Frage: Wie wird man Schuld los? Ist das überhaupt möglich? In der chinesisch-taoistischen Tradition bewirken gute Taten dass dem Täter letztlich Gutes widerfährt, und böse Taten bewirken das Gegenteil. Es besteht also die Möglichkeit, schlechte Taten mit guten zu sühnen:

S. 122: «Früher hatten wir eine Redensart: Gutes wird mit Gutem vergolten und Böses mit Bösem. Und jetzt? Guten Menschen widerfährt nichts Gutes, doch Bösen wohl. Die Mutter warf ein: Das Gesetz von Ursache und Wirkung existiert, aber es ist eben noch nicht so weit.»

In «Frösche» werden immer wieder Zweifel an diesem «Mechanismus» laut. Die Schwierigkeit beginnt schon damit zu sagen, was eine böse Tat ist. Wird eine brutale Tat dadurch entschuldigt, dass sie vom Staat um eines «höheren Zieles» willen verordnet wurde? Die Problematik kommt uns sehr bekannt vor!
S.234 wird Gugu als «pflichtbesessen» beschrieben. Die Antwort des christlichen Glaubens (der im Europa des vergangenen Jahrhunderts so schändlich verleugnet und mit Füssen getreten wurde!) lautet: Es gibt keine «höheren Ziele», die rechtfertigen könnten, im kleinen Alltag Lieblosigkeiten zu begehen; der christliche Glaube lehrt: Das Kleine, Schwache, Unscheinbare ist gross vor Gott und das vermeintlich Grosse nichtig, vergänglich, bedeutungslos.

Es bleibt die oben gestellte Frage: Was kann der Mensch tun, wenn er gesündigt hat? Kann er die Schuld tatsächlich durch gute Taten abbüssen? Gugus Erfahrung sagt nein. Die Qual der Schuldgefühle bleibt. Kann nur der Tod erlösen, wie Gugu denkt (S.494)? Hilft Reue? Was ist Reue? Dass Mo Yan die Antwort des christlichen Glaubens kennt, geht aus der Stelle hervor, wo im Theaterstück (S.457) zwei Vermummte (Agenten des Froschzuchtinstituts?) dem von Schuld­gefühlen zerknirschten Chen Nase zurufen:

«Das nennst du deine Verbrechen bereuen? (...) Rechts hinunter den Fluss entlang kommt nach zehn Kilometern eine seit kurzem fertiggestellte katholische Kirche.»

Also scheint Mo Yan zu wissen, dass das Christentum lehrt: Du kannst dich nicht selbst erlösen; nur der Glaube an Christus schenkt Erlösung, vorausgesetzt du bereust und bekennst deine Sünden.

S.259 wurde oben schon zitiert

«Dass ich mit meinem Schreiben meine Sünden sühnen kann, treibt mich unentwegt an.»

und S. 413:

Ich hatte angenommen, dass das Schreiben ein Weg für mich wäre, die eigenen Verbrechen zu sühnen. Aber als ich das Stück fertig geschrieben hatte, war mein Gewissen keineswegs entlastet, sondern ich trug an meiner Last, Verbrechen begangen zu haben schwerer, schwerstens. Renmei und ihr Kind – natürlich war es genauso mein Kind – sind tot. Selbstverständlich kann ich tausend Gründe anführen und mich von der Schuld freisprechen ...

Wohltuend ist, dass Mo Yan seine Figuren nie ganz schwarz oder ganz weiss zeichnet. Alle haben entsetzliche aber auch sympathische Seiten, sogar Gugu.

Auffallend ist, wie häufig Renner beteuert, Gugu treffe keine Schuld am Tod seiner ersten Frau. Es entsteht dadurch der Verdacht, dass Renner eigentlich das Gegenteil denkt. Dieser Verdacht ist umso stärker, als in der westliche Gesellschaft (die für jedes tragische Ereignis sofort und verbissen einen Schuldigen sucht) Gugu vor Gericht gekommen wäre; denn in Europa gilt es als Kunstfehler, wenn ein Eingriff mit bekanntem Blutungsrisiko ohne vorherige Abklärung der Blugruppe des Patienten (S.203) und ohne Bereitstellung von entsprechendem Blut durchgeführt wird.

Es gibt keinen Weg, sich selbst zu erlösen. Wir können uns nur erlösen lassen, indem wir an Christus glauben und ihn lieben, das heisst den Pazifismus im Grossen wie im Kleinen, den Christus lehrte, verinnerlichen und leben. Man hat das Gefühl, Mo Yan sei diesen Gedanken nahe, wenn er auf S.389 schreibt:

S.389: Denn alles geduldig ertragen bringt Frieden und Sicherheit (...) Kaulquappe steh auf! Auf dich kommt eine grosse Aufgabe zu. Steh mutig die Schwierigkeiten durch , klage nicht und verurteile und hasse niemanden.

S.260: Für diejenigen, die Verbrechen erdulden mussten, die Verletzungen erlitten, für diese Menschen muss ich schreiben. Und ausserdem muss ich für diejenigen schreiben, deren  Verletzungen und deren Verbrechen  ich habe erdulden müssen. Ich bin ihnen dankbar, weil ich bei jedem neuen Unrecht, das sie mir zufügten und zufügen, an jene erinnert wurde und werde, denen ich selbst Leid zufügte und zufüge. 

Man ahnt, dass Tante Gugu im hohen Alter vielleicht ähnlich empfindet, wenn es im selben Brief an Sugutani heisst:

S.260: Weiter sagte sie [Gugu] mir, es gebe so vieles, das sie keinem einzigen Menschen anvertrauen könne. Wenn Sie [Sugitani-san], liebster Freund, aber kämen, dann wolle sie sich Ihnen offenbaren und nichts mehr verschweigen. Die Sache betreffe Ihren verblichenen, sehr verehrten Herrn Vater, er habe ihr ein grosses Geheimnis anvertreut, das sie bisher niemandem verraten habe. Wenn Sie, Sugitani-san, es erführen, würde es Sie geiss bis ins Mark entsetzen, das sagte sie.


Das Geheimnis, das Gugu dem Japaner Sugitani san preisgeben will wird nicht gelüftet. Man ahnt, dass es sich um Kriegsgräuel der Japaner handeln könnte, die Gugu 1943 in Gefangenschaft, damals sechsjährig, in Pugidu mitbekommen hat. Und man gerät ins Meditieren, wie sehr doch die Jugendzeit, schon die frühe Jugend den Menschen prägt.

Kaulquappe (bzw. Mo Yan) will explizit nicht ein Skandal-, Sensations- und Gräueltheater schreiben:

S.395/396: Die Akte, die ich mir überlegt hatte, sind so düster und blutig, nur Vernichtung, keine Geburt. Wenn man so etwas schreibt, vergiftet man die Seelen der Menschen. Unsere Verbrechen werden dadurch nur noch schwerwiegender.

Dass Mo Yan ein apolitischer oder regimetreuer Schriftsteller sei, wird durch «Frösche» drastisch widerlegt. Dennoch überrascht die Textstelle, wo Renner seinen Schulkameraden Backe, der seiner Frau heimlich die Spirale entfernt hat, in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts einmal fragt, ob er sich immer noch zutrauen würde, eine Spirale aus einer Scheide zu angeln, die Antwort bekommt:

S.292: «Das fragst du mich? Ist das dein Ernst? Du weisst doch, dass ich jahrelang zur Umerziehung im Laogai-Arbeitslager war. Mensch, ich war im chinesischen Gulag!

 


ANDERN REZENSIONEN

Andreas Breitenstein (NZZ 19.03.2013) nennt «Frösche» einen «Bauernschwank mit Beisshemmung». Er ignoriert völlig die existenzialistische Problemstellung und sucht zuerst und zuletzt nichts als die chinesisch-realpolitische Relevanz in Mo Yans Roman. Weil er da offenbar nicht befriedigt wird, schreibt er am Schluss seiner Rezension:

(...) Frisch in Erinnerung war Mos apparatschikhaft arrogantes Auftreten als Delegationsleiter Chinas auf der Frankfurter Buchmesse von 2009. Hinzu kamen moralisch vernichtende Urteile von prominenten Regimekritikern wie Liao Yiwu und Ai Weiwei. Sodann gab es Einwände der elaborierten Art in Bezug auf die (fehlende) Sprachmächtigkeit und Denkfrische, auf den Kommerzialismus und die (antiquierte) Ästhetik des Autors. Der linkisch-pathetische Versuch Mos, in seiner Nobelvorlesung mit Sun-Yat-Sen-Anzug die Rolle des staatstragenden Dichters mit der des freigeistigen Intellektuellen zu vereinen, konnte eigentlich nur scheitern. (...) Wie nun ist der subversive Gehalt des Romans einzuschätzen? Zweifellos wagt sich Mo Yan auf vermintes politisches Gelände, weiss aber genau, wo die Sprengfallen liegen. So werden die Missstände wohl drastisch geschildert, die Frage nach den Ursachen aber löst sich entweder im Systemzwang oder Allgemeinmenschlichen auf oder wird gar dem Einzelnen aufgebürdet. Ringt denn nicht jeder mit demselben Verhängniszusammenhang, und sind nicht alle Täter und Opfer zugleich?

Nun wird man den Zwang zur Bevölkerungspolitik nicht einfach dem Regime anlasten wollen, doch ist die kommunistische Zwangsherrschaft ein mitentscheidender Faktor. Mos «Frösche» sind weit davon entfernt, hier Analyse zu leisten. Was der Roman an Kritik vorbringt, bleibt, von der Drastik abgesehen, Volkskongress-kompatibel diffus. Immerhin weckt er in seinen stärksten Passagen den Sinn für die existenzielle Tragik hinter der Ein-Kind-Politik. So halten sich denn Polemik und Verdrängung, Moral und Mutlosigkeit, Fatalismus und Zynismus seltsam die Waage. In seinem Nachwort äussert sich Mo Yan zur Schwierigkeit chinesischer Autoren, heikle Themen anzusprechen. Schnell werde man der «Liebedienerei gegenüber dem Westen» verdächtigt. Dass Freiheit und Menschenrechte universale Werte und keine Erfindung der CIA sind, wäre eine Einsicht, die politische, aber auch literarische Ambitionen wecken sollte.

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«Frösche» wurde auch im Literaturclub SRF vom 5.3.13 diskutiert (Moderation Stefan Zweifel. Mit Professor Rüdiger Safranski, Elke Heidenreich und Hildegard Keller):

Safranski kritisierte die «Konstruktion» (Erzählung in Briefen) als literarische Modeerscheinung in Europa und meinte, Mo Yan «schiele damit aufs westliche Publikum». Dazu kann man nur sagen: Die Rahmenerzählung ist keineswegs eine Erfindung der europäischen Literatur geschweige denn der Moderne. Wenn man überhaupt den (in der globalisierten Welt absurd klingenden) Vorwurf des «Schielens» machen will, dann (wie Hildegard Keller richtig bemerkte) eher dort, wo Mo Yan seine Vertrautheit mit europäischer Literatur kundtut (Cervantes, Sartre, Marx). Wir Europäer stellen uns meistens vor, der ferne Osten wisse von Europa nicht mehr, als wir von ihm. Es ist interessant, dass MoYans Dichterfreund Kenzaburo Oe (der nach MoYans eigener Angabe der Romanfigur Sugitani-san entspricht) in Tokyo Romanistik studiert und über Sartre doktoriert hat; wenn Safranski von «Schielen» spricht, täten wir gut daran, uns zu fragen, ob es europäischer Dünkel ist, der uns daran hindert, auch hie und da ein wenig zu schielen (wie ehemals Goethe und andere).

Stefan Zweifel irrt sich sachlich, wenn er Nase rümpfend von einem «geheimen Froschlaichinstituten, die dann auch noch Kinder in die Gebärmutter verpflanzen» redet. Im Roman «Frösche» wird aber der Begriff «Leihmutter» ausschliesslich für Zeugung durch künstliche Besamung  verwendet; Verpflanzung von Retortenbabys kommt nicht vor. Ebenfalls von etwas oberflächlicher Lektüre zeugt es, wenn der Moderator sagt «... der dritte Teil, wo er (Mo Yan) in die Gegenwart geht». Der Roman folgt nämlich nicht einer strengen Chronologie. Es wird im Gegenteil ziemlich wild in der Zeit herumgehüpft, was gelegentlich die Lektüre etwas unangenehm verwirrend erschwert; jedenfalls muss der Leser stets gut darauf achten, in welchen verschiedenen Zeiten die beschriebenen Szenen jeweils spielen. Wenn Stefan Zweifel krittelt, es gebe in Mo Yans Roman einen «Bruch, wo es in die Gegenwart geht», konterte Heidenreich zu recht, der Bruch sei nicht im Buch, sondern in China.

Es ist erstaunlich, dass die SRF-Literaturclubrunde ziemlich einmütig (aus Zeitmangel einmütig?) befindet, das Theaterstück «bringe nichts Neues und hätte weggelassen werden können.» Das trifft, wie man in der Inhaltsangabe nachlesen kann, natürlich ganz und gar nicht zu! Das Theater bringt die Grundgedanken erst auf den Punkt; ohne die Kapitel 1-4 bliebe das Stück aber unverständlich. 

Die beiden Damen der Gesprächsrunde gaben sich sich begeistert von «Frösche», während die beiden Herren sich eher skeptisch äusserten (Safranski sagt z.B. völlig unzutreffend, in dem Buch werde dauernd drauflosgeboren, mal mit einem Arm voraus, mal mit den Beinen; das habe ihn etwas befremdet.) Die ganze Runde aber schien nicht erfasst zu haben, dass es in «Frösche» nicht einfach um die exotisch-brutale Geburtenkontrolle Chinas geht, sondern um die wesentlich fundamentalere Frage von Schuld und Sühne.

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«Ein großes Bestiarium» titelt Ijoma Mangold in ZEIT ONLINE am 24. April 2013 seine Rezension. Er wenigstens merkt, dass es in «Frösche» um mehr als Regimekritik geht. Zum Schluss seiner Rezension schreibt er:

Hier wird der Roman, der von seinem Erzählbogen ein bisschen durchhängt, gerade in seiner Zwielichtigkeit spannend. Denn es gibt keine Kraft des Humanen, die sich gegen die Drangsalierungen durch die politische Wirklichkeit behaupten könnte. Mitleid und Erbarmen mögen die Figuren immer wieder einmal anwehen, aber sie halten sich nicht lange. Das gilt auch für den Erzähler, der Züge Mo Yans trägt. Dieser leugnet seine Schuld nicht, sie drückt ihn auch immer wieder zu Boden, aber sie überrascht ihn so gar nicht. Als habe er sich über die Schwäche des Menschen und auch über seine eigene nie einer Illusion hingegeben, erträgt er seltsam konsequenzenlos die Erbärmlichkeit, den Tod der eigenen Frau auf dem Gewissen zu haben: "Es war keineswegs so, dass wir kein Gerechtigkeitsgefühl besessen hätten, dass wir kein Mitleid gehabt hätten. Aber (...) wir waren keine Helden, nur Mittelmaß..."

Wo Mo Yan mit einem Finger auf das System zeigt, zeigt er mit den übrigen auf sich selbst. Diese Unerbittlichkeit macht die unheimliche Größe dieses Romans aus, dessen Figuren man wegen ihrer Indolenz gerne durchschütteln würde. Zwischen burlesker Drastik und Grausamkeit erzählt der Roman aus einer Welt, in der psychologischer Individualismus Luxus ist. Geradezu stoisch beschreibt Mo Yan den Mangel an Empathie, weshalb um alle Figuren ein Vakuum ist, das diese manchmal selber ahnen, aber als unvermeidlich in Kauf nehmen. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet der Erzähler die Assistentin seiner Tante Gugu – nicht aus Liebe, sondern damit die Tante endlich Ruhe gibt. Dieser Fatalismus liegt über dem ganzen Buch und verleiht ihm eine eigentümliche Fremdheit, die durch die Übersetzung von Martina Hasse (Füße sind weiß wie "Salangidae-Stinte") noch verstärkt wird, die manchmal wirkt, als sei sie auf halbem Weg zwischen China und Deutschland stehen geblieben.

Sex spielt in diesem gynäkologischen Roman eine wichtige Rolle. Aber er ist eine Körperfunktion, für die sich Sentimentalität ebenso wenig lohnt wie Prüderie. Mo Yan erzählt aus einer Welt, in der der Narzissmus, mit dem man das eigene Seelen-Ich pampert, noch nicht grassiert.

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Mark Siemons in der FAZ vom 26.02.2013 unter dem Titel «Ich bin selbst schuldig» hat eine Rezension geschrieben, die in fast allen Punkten mit meiner Einschätzung von Mo Yans «Frösche» übereinstimmt (ausser dort, wo Siemons befindet, das Theaterstück, füge dem Plot nichts Neues hinzu!). Er bemerkt sehr richtig, dass der eigentliche «Bruch» im Roman nicht infolge des Wandels durch die galoppierende wirtschaftliche Entwicklung Chinas auftritt, sondern durch Renmeis Tod:

Aber dann schlägt der Ton plötzlich um: Der Schrecken sucht auch den bis dahin eher belustigt beiseitestehenden Ich-Erzähler heim. Seine Frau, deren jugendlich witziger Charme ausführlich beschrieben wurde, stirbt bei der durch Gugu erzwungenen Abtreibung ihres zweiten Kindes. Das ist eine dramaturgische Wende, die dadurch noch nachhaltiger wirkt, dass sie psychologisch kaum aufgearbeitet wird. Im Gegenteil, der Ich-Erzähler heiratet kurz danach auch noch Gugus Assistentin. Alles vermeintlich Humorig-Relativierende wird hier seinerseits unterwandert durch etwas, was man wahlweise als Sprachlosigkeit, Unempfindlichkeit oder Schwäche interpretieren kann.

Ist Rettung möglich?

Der Erzähler, der da so unerwartet in die Mitte des Geschehens tritt, sieht sich selbst nicht nur als Opfer. Als Offizier hat er seine Frau beschworen, das Kind abzutreiben, damit er beim Militär bleiben kann und nicht wieder auf dem Land arbeiten muss. Im Gespräch mit dem «Spiegel» hat Mo Yan gesagt, was er auch im Nachwort andeutet: dass dieses Schuldbewusstsein einen autobiographischen Hintergrund hat. «Ich habe, um meiner eigenen Zukunft willen, meine Frau zu einer Abtreibung gedrängt. Ich bin schuldig.»

Tatsächlich ist dies, neben der Entfaltung des komplexen Charakters der Hauptfigur Tante Gugu, der zweite Fluchtpunkt des Romans: die sich stückweise immer mehr aufdrängende Notwendigkeit, das eigene Gewissen zum Thema zu machen. „Man muss das eigene Ich auf den Seziertisch legen und genauestens unter die Lupe nehmen“, notiert der Ich-Erzähler, der im Roman Theaterautor ist, an einer Stelle. Mo Yan selbst schreibt im Nachwort, er habe sich eine Zeitlang „alle Mühe gegeben, nirgendwo anzuecken“, damit man ihn weder der Käuflichkeit durch Funktionäre bezichtige noch der „Liebedienerei gegenüber dem Westen“. Nun aber habe er beschlossen, die „ewig Selbstgerechten“ abzuschütteln und sich nur noch auf sein Gewissen zu konzentrieren. Der Roman endet mit selbstquälerischen Fragen, die der Ich-Erzähler an seinen Briefpartner, einen nach dem Vorbild von Kenzaburô Ôe entworfenen japanischen Schriftsteller richtet: „Ist die Seele darin gefangen, dass sie sich eines Verbrechens schuldig fühlt, und muss sie es ewig bleiben? Oder ist Rettung möglich?“

Rollenprosa des Ich-Erzählers

Nun könnte man selbst diese skrupulöse Konzentration auf die individuelle Moral für eine subtile Relativierung der politischen Verhältnisse halten. Doch das würde verkennen, dass es sich bei der Frage um die Mitschuld im Gegenteil um ein bislang verdrängtes höchstpolitisches Thema handelt. In China wird die Ein-Kind-Politik heute sogar von Regierungsberatern kritisiert, weil sie Probleme für die demographische Entwicklung und die Sozialsysteme aufwerfe und weil Zwangsabtreibungen nicht mehr ins Bild der offiziell verordneten Gesellschaftsharmonie passten (gleichwohl kommen sie immer noch vor, weil Funktionäre weiterhin danach beurteilt werden, wie sie das Bevölkerungswachstum kontrollieren). Aber sie wird überhaupt nicht als Gewissensproblem diskutiert, genauso wenig wie der wieder anders gelagerte Fall der Beteiligung weiter Bevölkerungsschichten an den Verbrechen der Kulturrevolution.

Froschzuchtfarm als geheimes Leihmütterzentrum

Welche Auswirkungen solche Verdrängungsleistungen auf die gegenwärtige chinesische Gesellschaft haben, ist eine noch nicht einmal ansatzweise erörterte Frage. Insofern passt Mo Yan, der dies nun zum Thema macht, entgegen der weit verbreiteten Meinung, in Wirklichkeit überhaupt nicht zum offiziellen staatlichen Diskurs. Dagegen spricht nicht, dass er in der Rollenprosa des Ich-Erzählers auch immer wieder die Argumente der Geburtenkontrolleure stark macht (Dienst an der Menschheit); er ergänzt damit nur die vielschichtige Folie, vor der in der damaligen Realität jeder seine Entscheidungen fällen musste.Und auch eine formale Schwäche des Romans schmälert diese Stärke nicht: dass die Figur des Ich-Erzählers bis zuletzt ziemlich unscharf bleibt. Diese Blässe könnte sogar ein Indiz für die Ehrlichkeit der Introspektion sein. Ohnehin gehorcht Mo Yans Figurenzeichnung meist weniger den Gesetzen psychologischer Plausibilität als dem Prinzip der satirischen Metapherntauglichkeit. Das gilt sogar für Tante Gugu, die literarische Bearbeitung einer realen Tante des Autors, deren widersprüchliches Verhalten, ein Abbild der fatalen Politik im Ganzen, mit besonderer Genauigkeit rekonstruiert wird. Sie, die sich nach der Flucht ihres Verlobten nach Taiwan ganz der Partei verschreibt, sich auch durch die Misshandlungen während der Kulturrevolution nicht irremachen lässt, und deren robuste Menschenfreundlichkeit in eine martialische Unnachgiebigkeit auf der Jagd nach „illegalen“ Kindern umschlägt, endet schließlich, geistig halb umnachtet, beim Anfertigen von „Tonkindern“, denen der Volksglaube eine eigentümliche Beseeltheit zuschreibt.

Solche mehrfach gebrochenen, aufeinander Bezug nehmenden Travestien häufen sich, so kunstvoll sie im Einzelnen auch sind, gegen Ende des Romans etwas zu sehr. Ein angefügtes Theaterstück des Ich-Erzählers, das alle Motive auf bitter-burleske Weise noch einmal aufnimmt, fügt dem Plot nichts Neues hinzu.

In den letzten Kapiteln kehrt der Erzähler im neuen Jahrtausend in ein gewandeltes Dorf zurück, wo an die Stelle der ärmlichen Geburtsstation von einst eine hochgerüstete Tempelanlage, ein teures chinesisch-amerikanisches Geburtskrankenhaus und eine Froschzuchtfarm getreten sind, die in Wirklichkeit ein geheimes Leihmütterzentrum ist. Nur die innere Kälte ist geblieben, und die Korruption hat sich vermehrt. Mo Yan hat ein Buch geschrieben, das nicht nur das Bild von ihm selbst verändert, sondern auch von dem, was im Herzen der chinesischen Gesellschaft vor sich geht.


Siemons Aussage, das Theaterstück füge dem Plot nichts Neues hinzu, widerspreche ich natürlich energisch (vgl.oben). Alleine schon das Einbringen der legendären, jedem Chinesen vertrauten Richterfigur Boa löst in Mo Yans Heimat vermutlich mehr aus, als wir hier in Europa nachempfinden können.

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Oft ist es lohnend, nicht nur die Rezensionen bei Perlentaucher, sondern auch jene bei Amazon zu lesen. Die Amazon-Rezension, die am klarsten meine Meinung zu «Frösche» teilt, hat Ulrich Gellermann «RATIONALGALERIE» geschrieben:


...wenn unsere europäischen Ohren nicht so ungelenk wären, könnten sie uns fast so vertraut sein wie der Huber-Schorsch und der Leitner-Franz. Aber vorsichtig: Das ist eine Falle. Im Verlauf das Romans ist für derlei süßliche Nähe kein Platz. Es geht um Schuld und Sühne, und die Abgründe sind tief.


Wenn «ludwigwitzani» schreibt: «...seine eigene Frau Renmei wird von Tante Gugu im Zuge einer misslungenen Zwangsabtreibung viehisch abgeschlachtet.», dann fragt man sich, ob der Rezensent das Buch gelesen hat; von «Abschlachten» kann in der anvisierten Szene nicht die Rede sein.


ZUR ÜBERSETZUNG:

Man ist während der Lektüre gebötigt, einige chinesische Worte nach der Kleinkindmethode, d.h. durch den Kontext zu lernen: Kotau=Verbeugung?, Kang=erhöhte Bettstatt, Hutong=Wohnung? (hingegen ist das Wort Wok, die chinesische Pfanne, bei uns hinlänglich bekannt und braucht keine Übersetzung).

Man fragt sich, wie die folgenden Textstellen auf Chinestisch klingen:

S.201:«Tuts noch weh?» -- «, als hätte eine Mücke gestochen.»
S.213 «...wie ein Beichtkind ständig Selbstvorwürfe...»
S.384 «I am sorry!»
S.350 «spa» (sanus per aquam)
S.390: «...als wär ich getauft» worden. (existiert «getauft» als Begriff im chinesischen Alltag?)
«Jeep», «OK» an verschiedenen Stellen

S.414 An mehreren Stellen bedauert Renner, dass man die abgetriebenen Kinder habe zur Hölle fahren lassen. Als Europäer runzelt man da zu recht die Stirn. Das kann doch nicht sein! In Europa werden Personen, die Abtreibungen durchführen, eher als «Engelmacher» bezeichnet. Bedeuten die mit «Hölle» oder «Fegfeuer» übersetzten chinesischen Worte vielleicht eher Hades und gar nicht Hölle? Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Für welche Schulden sollten denn die abgetriebenen Kinder büssen? Andererseits muss man annehmen, dass Mo Yan tatsächlich die Hölle meint, wenn er schreibt: «... mir einzubilden, das Kind, das Augenbraue geboren hat, sei die Wiedergeburt des im Fegefeuer leidenden toten Babys von Renmei, ist Selbstbetrug.»


Es gibt im Text zahlreiche chinesische Redensarten, die sich kaum übersetzen lassen. Sie sind im Text kursiv hervorgehoben und werden in einem Anhang erklärt. Es stört aber den Lesefluss, wenn man sie während der ersten Lektüre im Anhang nachschlägt. Vielleicht wäre eine sinngemässe Übersetzung doch angenehmer.

INHALTLICHE ZUSAMMENFASSUNG DES ROMANS

Der Roman schildert Ereignisse, die sich auf die Zeit von 1960 bis 2008 verteilen. Es ist nützlich, sich die Eckdaten der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts in Erinnerung zu rufen:

1911 Verarmung Chinas wegen des europäischen und japanischen Imperialismus
          Zusammenbruch der Qing-Dynastie, Ende des Kaiserreichs
1912 Gründung der Republik China durch den Revolutionär Sun Yat-sen
1927 Beginn des chinesischen Bürgerkriegs zwischen Kommunisten und Republikanern
1931 Japan erobert die Mandschurei, Kriegszustand mit Japan bis 1949
1949 Mao Zedong besiegt den Republikaner Chiang Kai-shek, der sich auf Taiwan zurückzieht.
1953-1957 Bodenreform und Industrialisierung auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion
1958-1961 «Der grosse Sprung nach vorn» (ziemlich misratener Sprung) mit der Hungersnot 1959-1961
1966 Kulturrevolution (bis 76), optimale Süsskartoffelernte, Zunahme der Geburten
1970 Gesetzliche Regelungen zur Ein-Kind-Politik. 1976 Mao
stirbt.
1980 Schauprozesse gegen die «Viererbande» (linker Flügel der Mao-Erben).
1990 Stetiges Wachstum der chinesischen Wirtschaft bis heute. Zunehmende Liberalisierung.

Frosch heisst auf Chinesisch Wa, gleich klingend (aber mit anderem Schriftzeichen geschrieben) bedeutet es auch Baby (vgl. S.449!). Beide Wörter sind lautmalerisch einfach zu verstehen: Sowohl die Frösche als auch die Babies schreien in ähnlicher Weise "Wa!-Wa!-Wa!"

«Frösche» ist eingeteilt in 5 Bücher, die als Briefe an einen japanischen Dichter Yoshito Sugitani- san konzipiert sind. Mo Yans schreibt im Nachwort, der japanische Literaturnobelpreisträger 1994 Kenzaburo Oe habe ihn 2002 in Gaomi besucht, und da hätten sie das Projekt, ein Theaterstück über die Geburtshelferin Wan Herz zu schreiben, miteinander besprochen. Auch die Figur Sugitani hat also, wie fast alles im Roman «Frösche», einen realen, weitgehend autobiografischen Hintergrund.



LISTE DER WICHTIGSTEN IM ROMAN VORKOMMENDEN NAMEN:

Für europäische Leser mag es nützlich sein, das Buch mit einer schriftlichen Namensliste in der Hand zu lesen; chinesische Familiennamen kann man sich nicht so leicht merken; leichter fällt das Auseinanderhalten der Vornamen, die in «Frösche» nach alter chinesischer Tradition einem Körperteil entsprechen. 

(In der folgenden Liste ist die am häufigsten verwendete Bezeichnung für eine Person durch Fettschrift hervorgehoben)

Familie Wan:

Wan Fuss ("ich") = der fiktive Autor des Buches (geb.1956)
    Übername: (Kleiner) Renner (wegen der langen Beine)
    Autorpseudonym: Kaulquappe

Wan Grossvater von Fuss («mein Urgrossvater»)
Bruder des Grossvaters von Fuss («mein Grossonkel»)
        =Vater von Herz (vgl. unten), Feldarzt der 8. Routearmee, der als Held verehrt wird, weil er vielen
           Kaderleuten im Chinesisch-Japanischen Krieg geholfen hat.
Wan Herz, genannt (Gross)Tante Gugu (geb.1937), Tochter von «mein Grossonkel»
        1953 Medizistudium beendet, wird zum Geburtshilfekurs geschickt.
Wan "mein Vater": Vater von Fuss
Wan grosser Bruder von Fuss
Wan Aman (S.39) kleine Schwester von Fuss

Familie Wang:

Wang (Schulkantinenkoch)
Wang Bein, Bruder des Schulkantinenkochs und Kutscher
Wang Leber, Sohn von Wang Bein, Schulkamerad von Renner, lange verliebt in Shizi
Wang Renmei, Tochter des Schulkantinenkochs, erste Frau von Renner
Wang Galle, Lebers kleine Schwester.

Familie Xiao

Xiao Oberlippe: Arroganter Parteifunktionär, Verwalter des Brigadekornspeichers
Xiao Unterlippe: Sohn von Unterlippe, Schulkamerad von Renner
bekommt drei «Süsskartoffelschwestern»
Xiao Shizi kleiner Löwe (?entfernt verwandt?), Gugus Assistentin

Familie Yuan

Yuan Gesicht Dorfparteizellensekretär
Yuan Backe, der kleine Heiler, Sohn von Gesicht, Schulkamerad von Renner

Familie Chen

Chen Stirn: Einst Schnapsbrennerei-, Warenhaus- und Grossgrundbesitzer
Flieht in die Mandschurei, wird ca. 1951 von Yuan Gesicht aufgespürt
und nach Hause zurückgebracht und enteignet.
Er hat in der Mandschurei die blauäugige Alina geheiratet
Ihr Kind hatte grosse Nase und hiess darum «Nase»
Chen Nase, Schulkamerad von Renner, heiratet später Galle
Chen
Ohr: das erste Töchterchen von Galle
Chen
Augenbraue das zweite Töchterchen von Galle

Li Hand, der Sohn der Grundschullehrerin Li Yu, Schulkamerad von Renner
Wird später Arzt, dann eröffnet er das Restaurant «Don Quijote»
Hao Grosse Hand Berühmter Keramikpuppenkünstler

Qin Strom: Bruder des regionalen Parteisekretärs, verliebt in Gugu; lässt sich als Bootsführer des Geburtenkontrolle Patrouillenboots auf dem Fluss Kiaulai anstellen.


INHALT

(Eingerückt und kursiv=Zitate aus «Frösche»)

Offizieller Klappentext des Hanser-Verlags:

Gugu, die Tante des Erzählers, ist die erste westlich geschulte Hebamme in Gaomi und die parteitreue Tochter eines Arztes, der im zweiten japanisch-chinesischen Krieg den Heldentod starb. Seit den 50er-Jahren bringt sie im Ort alle Kinder zur Welt und ist mit Beginn der Geburtenkontrolle verantwortlich für die Abtreibungen und Zwangssterilisierungen im Dienst der Ein-Kind-Politik. Um beruflich voranzukommen, unterdrückt sie ihr Gewissen und ihre persönlichen Empfindungen und macht sich zum willigen Werkzeug der Partei. Im Alter jedoch wird sie von Albträumen geplagt und bereut ihre Taten, die zahlreiche Menschen das Leben kosteten. Auch ihr Neffe, der Erzähler, ist innerlich zerrissen: Er verlor seine eigene Frau, weil er sie zur Abtreibung zwang.

In farbenprächtigen, lebensprallen und oft auch komischen Szenen erzählt Mo Yan von den Schicksalen der Frauen und Kinder in Gaomi, von Familiendramen in einer ländlich-patriarchalischen Gesellschaft, in der ein Sohn auch heute noch mehr als eine Tochter zählt. Am Ende gipfelt dieser bewegende, autobiographisch grundierte Roman in der Frage: Ist man weniger schuldig, wenn man Unrecht im Dienst einer Partei oder Regierung begeht? Und kann man sich von dieser Schuld jemals befreien?

Ausführlichere Inhaltsangabe:

Der Ich-Erzähler «Kaulquappe» schickt seinem japanischen Schriftstellerkollegen Sugitani-san (-san bedeutet vermutlich junior?) eine Biografie seiner Grosstante Gugu. Sie ist niedergeschrieben in vier Manuskript-Paketen («Büchern») und einem Theaterstück (= fünftes Buch) mit dem Titel «Frösche».

Das ersten Buch beginnt wie jedes der fünf Bücher, mit einem Begleitbrief an Sugitani-san. (datiert mit «Peking, 21. März 2002). Darin erklärt Kaulquappe

S.8 «[ein anderer Schriftsteller] hat sich bereits an die Arbeit gemacht und einen Roman über eine Landfrauenärztin zu schreiben begonnen. Ich will ihm nicht in die Quere kommen, obwohl ich um ein vielfaches genauer über meine Tante Bescheid weiss. Also lass ich ihn den Roman schreiben und werde selbst ein Theaterstück über meine Tante verfassen.»

Dennoch will es sich Kaulquappe nicht nehmen lassen, dem Freund Sugitani das Leben seiner Tante (eigentlich Grosstante) zu beschreiben (damit Sugitani dann auch später das Theaterstück besser verstehen kann?). Die Briefform wird in den Manuskriptpaketen nicht ganz weggelassen; immer wieder gibt es Abschnitte, in denen Sugitani direkt mit Namen angesprochen wird, in den ersten drei Büchern allerdings so selten, dass der Leser den Text eher als Erzählung denn als Brief wahrnimmt.

Das erste Buch beschreibt den Aufstieg der Tante Gugu von 1954-1959 zur nahezu vergötterten Hebammenautorität der Provinz Gaomi. Während der Hungersnot 1959-1961 gibt es dann kaum mehr Geburten. Entsprechend gerät Gugus Ruhm etwas in Vergessenheit. Es ist die Zeit, da sich Gugus Bräutigam, ein Jetpilot, nach Taiwan absetzt. Als das ruchbar wird, verdächtige man auch Gugu, eine Konterrevolutionärin zu sein.

In den Kapiteln 12-15 werden die Jahre 1962-1966 geschildert. Es ist die Zeit der guten Ernten. Vor allem die Süsskartoffeln gedeihen sagenhaft. Das Volk blüht auf. Alle Frauen werden schwanger. Es gibt sehr viele «Süsskartoffelkinder», sodass der Parteivorsitzende Mao aus Angst vor neuen Hungersnöten die Ein-Kind-Politik verordnet. Gugu versucht mit zunehmender Brutalität die Ein-Kind-Politik umzusetzen.Weil sie in der Partei wegen des untreuen Bräutigams und beim Volk wegen der allzu eifrig verfolgten Ein-Kind-Politik ihr Ansehen eingebüsst hat, fällt sie in der Kulturrevolution von 1966 sozusagen zwischen Stuhl und Bank: Sie wird brutal gedemütigt. Die Schlussszene im Kapitel 15 beschreibt eindrücklich ein «Volksgericht» der «Kulturrevolution» auf dem zugefrorenen See. Absurde Anklagen werden von Xiao Oberlippe erhoben. Gugu kommt knapp mit dem. Leben davon. Zum Schluss der Volkshetze, die an Lynchjustiz erinnert, bricht die Eisdecke ein und viele Menschen ertrinken. Renner (Kaulquappe) ist zu dieser Zeit etwa elfjährig.

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Im zweite Buch ist Renner im ersten Kapitel erwachsen. Er heiratet 1979 seine Klassenkameradin Renmei. In einer Rückblende erfährt man, wie er ihr 18-jährig (1974) den ersten Quasi-Heiratsantrag gemacht hat. Die Liebesszene ist wunderbar hübsch erzählt, mit der Mo Yan eigenen Poesie:

S.119 ff: «Mit achtzehn traf ich sie am Brunnen (...) Ich kniete mich auf den Brunnenrand, um ihr den Eimer wieder heraufzuholen (...) [Renner schildert dann Rennmei, er habe ihren ehemaligen Verehrer Nase beobachtet, wie er Galle geküsst habe]

Wang Renmei wurde rot: Renner, du bist ein ganz verdorbener Lump! Und Nase ist genauso ein verdorbener Lump!»
Ich sagte zu ihr: «Wang Renmei, können wir beide , wo doch Nase und Galle schon ein Liebespaar sind, Freundschaft schliessen?»
Sie stutzte. Dann lachte sie hell: «Wieso möchtest du mit mir befreundet sein?»
«Weil wir beide lange Beine haben. Meine Tante sagt, wenn wir beide heiraten würden, bekämen unsere Kinder bestimmt lange Beine. Wir könnten unser langbeiniges Kind trainieren, damit es Weltmeister wird.»
Sie lachte. «Deine Tante ist ja witzig! Sie ist nicht nur für die Sterilisationen zuständig, sondern auch noch für die Heiratsvermittlung!»
Sie schulterte die Tragestangen mit den Wassereimern und ging mit Riesenschritten, die Tragestange federte und die zwei Eimer hüpften auf und ab , als würden sie jeden Moment abheben und losfliegen.»


Gugu (durch Todesangst und Demütigung zu einer grausam exekutierenden Vertreterin der Ein-Kind-Politik geworden) wird immer härter in der Durchsetzung der Abtreibung «überzähliger» Kinder. Gugu treibt bald mehr Kinder ab, als sie auf die Welt zu setzen hilft. 1981 bekommen Renmei und Renner eine Tochter. Gugu setzt Renmei ohne deren Einverständnis direkt nach der Geburt eine Spirale ein. Renner macht Karriere beim Militär, bekommt einen administrativen Posten und ist immer wieder für längere Zeit abwesend. Im Kapitel 5 geht der Erzähler wieder zurück ins 1970, also ins Alter von 14 Jahren (S.150 unten: «Es war der Sommer 1970») und schildert die Jagd auf die schwangere Frau von Zhang Faust aus dem Dorf Dongfeng; die Hetzjagd geht weiter, als die Schwangere in den Fluss springt, um sich vor der Abtreibung zu retten; schliesslich kommt die Frau im Wasser um.(Diese Szene stellt der Hanserverlag als Leseprobe zur Verfügung). Unmittelbar anschliessend (Kapitel 6), zeitlich aber im Jahr 1983 (S.168: «Töchterchen 2-jährig»), also 13 Jahre später! (was man beim Lesen aber nicht ganz erfasst, so wie eben auch in der Erinnerung zeitliche Abstände oftmals verzerrt sind) erfährt Renner über Militärpost, dass Renmei schwanger geworden sei. Seine Berufskarriere ist dadurch sehr gefährdet. Er reist nach Hause, um die Sache zu regeln. Mit Entsetzen erfährt er, dass Yuan Backe seiner Frau insgeheim die Spirale entfernt hat und sie darum bei einem seiner Urlaubsaufenthalte schwanger geworden ist. Zuerst versucht er Renmei zu überzeugen, dass eine Abtreibung alle Probleme lösen würde. Dann aber überzeugt Renmei ihren Mann, dass ein Leben mit Feldarbeit und einem Stammhalter dem bequemen Beamtenleben ohne Stammhalter vorzuziehen sei. Die beiden haben aber nicht mit der Hartnäckigkeit von Tante Gugu gerechnet. Diese beharrt auf Abtreibung und sagt:

S.184: «... Geburtenplanung muss sein. Wenn wir alle nach Lust und Laune Kinder kriegen lassen, sind es in einem Jahr dreissig Millionen mehr, in zehn Jahren dreihundert Millionen und nach nochmals fünfzig Jahren haben die Chinesen unsern Globus platt gemacht. Deshalb muss uns jedes Mittel recht sein, wenn es darum geht, die Geburtenrate zu senken, Nebenbei ist das Chinas Geschenk an die Menschheit.»

Gugu und wird unterstützt von ihrer Vorgesetzten, der Vorsitzenden Yang, einer Cousine und Jugendfreundin. Diese erklärt Renmei:

S.199: «Wenn wir die Geburtenplanung nicht durchsetzen, werden unsere Kinder sehr wahrscheinlich nicht genug zu essen haben, nichts anzuziehen, keine Schule, keine Universität besuchen können. Deswegen muss die Geburtenplanung mit ihrer Unmenschlichkeit im Kleinen dazu beitragen, dass die Menschlichkeit im Grossen entstehen kann. Du erträgst Schmerzen und Leid im Kleinen, bringst ein kleines Opfer, und das ist dein Beitrag und ein Geschenk an dein Vaterland.»

Auch Renner befürwortet nun vor der Parteifunktionärin wieder die Abtreibung. Schliesslich wird Renmei so sehr bedrängt und beschwatzt, dass sie resigniert dem Eingriff zustimmt. Sie verblutet daran. Renner steht mit seiner kleinen Tochter als Witwer da. Er wird zeitlebens die Schuldgefühle nicht los.

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Das dritte Buch wird eingeleitet von Renners Brief aus Peking an Sugitani vom Neujahrsmorgen 2004. Darin lesen wir:

S. 213: «Lieber Freund, Sie schreiben, dass Ihnen Tränen kamen, als Sie lesen mussten, wie Wang Renmei starb. So ging es mir auch! Mir liefen die Tränen in Strömen über die Backen, als ich es Ihnen schilderte. [auch mancher Leser wird hier Tränen haben] Ich beklage mich gar nicht über Gugu. Ich finde nicht, dass es ihr Fehler war. Auch wenn sie sich auf ihre alten Tage wie ein Beichtkind ständig Selbstvorwürfe macht und meint, ihre Hände seien voll Blut. (...) Die Geschichte vermerkt das Ergebnis und ignoriert den Weg dorthin. So ist es auch mit der Chinesischen Mauer oder den ägyptischen Pyramiden. Man bewundert die grossartige Leistung, übersieht aber die unzähligen Menschen, die dafür ihr Leben liessen. In den letzten fast dreissig Jahren haben es die Chinesen mit Hilfe extremer Methoden schliesslich geschafft, die Bevölkerungsexplosion zu begrenzen. Nicht nur, um die Entwicklung der eigenen Nation zu forcieren, sondern um einen Beitrag zur Bevölkerungsentwicklung der gesamten Menschheit zu leisten. Denn alle möchten diesen kleinen Planeten weiter bewohnen. Die Ressourcen sind verschwindend gering und, einmal verschwendet, nie wiederzugewinnen. Von dieser Warte aus betrachtet ist die Kritik des Westens an der chinesischen Bevölkerungspolitik unangebracht.

In den letzten Jahren hat sich mein Heimatdorf sprunghaft verändert. Der neue Parteisekretär ist ein junger Typ von nicht mal vierzig Jahren, der seinen Doktor in den USA gemacht hat – ein imposanter Mann mit Visionen. (...)»

Im ersten Kapitel des dritten Buches ist man wieder im Jahr 1984. Renner kommt aus dem Militärdienst nach Hause, weil seine Mutter gestorben ist. Er verspricht dem Vater, den Militärdienst zu quittieren und in Gaomi zu bleiben. Bei der Beerdigung schildert ihm der Vater, was in seiner Abwesenheit im Dorf abgelaufen ist: Wang Galle (Lebers kleine Schwester), mit Cheng Nase verheiratet, sei von Gugu auf brutalste Art und Weise gejagt worden, weil sie ein «überzähliges» Kind (das erste war eine Tochter) erwartete. Nase habe seine schwangere Frau versteckt. Gugu suche sie mit allen Mitteln gnadenlos, um eine Abtreibung durchzuführen.

Beim Begräbnis von Renners Mutter weint Gugu herzerweichend, ist dann aber handkehrum wieder die fanatisierte Maoistin, die den Parteibefehl der Geburtenbeschränkung gnadenlos exekutiert. Nebenbei betätigt sie sich auch als Heiratsvermittlerin und verkuppelt Renner ausgerechnet mit der ihr hörigen Assistentin Shizi, die Renner bis dahin weder äusserlich noch charakterlich positiv beschrieben hat. Renner aber gehorcht der Tante und lässt sich durch eine Beförderung dazu verleiten, mit Shizi und dem Töchterchen nach Peking zu ziehen. 

Renner ist sich seiner Charakterschwäche bewusst: Erster Satz S. 225 zum Kapitel 4 lautet: «Ich gebe es ja zu. Ich bin jemand, der nach Ruhm und Profit giert». Auf S. 229 sagt Renner selbstkritisch, er sei «wie ein fauliges Stück Holz, das auf dem Wasser treibt: Ein Schubs und ich bewege mich.» Und das Kapitel 7 beginnt S. 240 mit den Worten:: «Ich bin wirklich in jeder Hinsicht ein willensschwacher Mann.». Auf S.352 schreibt er beinahe selbstquälerisch: «... Es beweist, dass ich ein oberflächlicher Gockel bin. Meine wahre Natur unterscheidet sich gar nicht von diesen Neureichen, die immer auf Markenjagd sind und sich alleweil mit ihren Zweit- und Drittfrauen brüsten.

In der Hochzeitsnacht regnet es in Strömen (S. 240). Die Braut Shizi, die während Jahren die Helfershelferin der rücksichtslosen Abtreiberin Gugu gewesen ist, wird in der Hochzeitsnacht plötzlich abweisend kühl, als Renner infrage stellt, ob es recht sei, Galle zur Abtreibung zu zwingen. In den folgenden Tagen kommt es zu Hochwasser und überschwemmten Strassen. Die Pfirsichernte muss daher mit Flossen flussabwärts zum nächsten Dorf gebracht werden. Auf einem der Flosse ist die schwangere Galle versteckt. Gugu merkt dies und es kommt wieder zu einer grauenhaften Hetzjagd. Galle bringt eine Frühgeburt zur Welt und verblutet dabei auf dem Floss. Nase ist völlig enttäuscht, dass es kein Junge ist. Darum nehmen Gugu und Shizi das Neugeborene, das den Namen Augenbraue bekommt, zu sich in Obhut. Später verlangt Nase die Tochter zurück.

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Das vierte Buch beginnt (S.259) wieder mit einem Brief an Sugitani (datiert 2008)

«Dass ich mit meinem Schreiben meine Sünden sühnen kann, treibt mich unentwegt an. Und weil man nur durch ehrliche, wirklich aufrichtige Schriftstellerei ein Verbrechen sühnt, deswegen schreibe ich auch immer ehrlich. (...) Weiter sagte sie (Gugu) mir, es gebe so vieles, das sie keinem einzigen Menschen anvertrauen könne. Wenn Sie, liebster Freund, aber kämen, dann wolle sie sich Ihnen offenbaren und nichts mehr verschweigen. Die Sache betreffe Ihren verblichenen, sehr verehrten Herrn Vater; er habe ihr ein grosses Geheimnis anvertraut, das sie bisher niemandem verraten habe. Wenn Sie, Sugitani san, es erführen, würde es Sie gewiss bis ins Mark entsetzen, das sagte sie. Bester Sugitani san, ich kann mir gut vorstellen, um was es sich bei diesem Geheimnis handelt ...»

Renner ist mit Shizi zurückgekehrt in seine alte Heimat, um hier seinen Ruhestand zu geniessen und sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Die Heimat aber hat sich völlig verändert:

S..263: «Es hat kaum ein paar Jahre gedauert, da hatte sich unser rückständiges, abgelegenes Nordost-Gaomiland völlig verändert. Beide Ufer unseres grossen Flusses hatte man mit weissen, soliden Mauern befestigt ...»

Die Jugend ist mit Rollbrettchen und Handies ausgerüstet, Flugplatz, Hotels, Restaurants, Golfplatz und Privatkliniken sind entstanden, ausserdem eine Hängebrücke über den (S.265:) Kiaulai, auf dem Kreuzfahrtschiffe mit Tanz und Musik verkehren (S.35 hiess der Fluss noch Kiaolai; vermutlich sind beide Umschriften möglich und die Aussprache liegt irgendwo dazwischen?). Der in der Kulturrevolution abgerissene Tempel der Muttergöttin Niangniang ist doppelt so gross wieder aufgebaut worden, im Vorhof verkauft Wang Leber sogenannte Niwawa-Tonpüppchen, die Kindersegen bringen sollen. Fabriziert werden die Tonpuppen von Qin Strom, der beim Grossmeister der Tonpuppenkünstler Hao Grosse Hand in die Lehre ging (weil Gugu Grosse Hand geheiratet hat und Qin Strom nur in Gugus Nähe leben kann). Renners Frau Shizi beginnt sich für die Tonpüppchen zu interessieren; es wird offensichtlich, dass sie sich ein Kind wünscht. Sie ist aber längst in der Menopause.

S.315-319 erzählt Gugu (eingebettet in einer Fernsehsendung über den Tonpuppenkünstler Hao Hand) wie es 1997 dazu kam, dass sie den Tonpuppenkünstler geheiratet hat: Gugu feierte 1997 ihre Pensionierung bis spät in die Nacht und war auf dem Heimweg ziemlich betrunken. Sie verirrte sich und kam in ein Moor, wo es von Fröschen wimmelte. Plötzlich hörte sie, dass das aufdringliche Quaken der Frösche das Schreien der Kinder war, die sie abgetrieben hatte. Die Frösche wurden agressiv, bissen sie, pinkelten sie an.

S.318 «Abertausende von Fröschen seien ihr wie eine Armee quakend, hopsend, rempelnd, drängelnd, wie ein dicker, schmutziger Strom rasend schnell gefolgt. Damit nicht genug seien immer weitere von beiden Seiten auf den Pfad gesprungen. Wie sei sie gerannt! Aber Trupps von Fröschen seien schon vor ihr gewesen und hätten versucht, ihr den Weg abzuschneiden, andere seien angriffslustig aus dem Schilf auf sie zugesprungen.»

Hao Grosse Hand sei ihr dann begegnet und habe sie vor weiteren Froschangriffen bewahrt. Seither lebte Gugu bei Grosse Hand und erfüllte ein Gelübde: Sie wollte in einem Nebengebäude für jedes abgetriebene Kind je eine Tonpuppe aufstellen, die Grosse Hand nach ihren Angaben anfertigte.

Kaulquappe frequentiert oft das von Li Hand gegründeten Restaurant «Don Quijote de la Mancha». Nach dem Tod von Galle wurde Nase Alkoholiker. Li Hand hat ihm eine Don Quijote-Verkleidung besorgt, damit er als Türsteher die Leute in sein Restaurant lockt. Nase, der Sohn des einstigen Grossgrundbesitzers Chen Gesicht, steigt aber sozial immer tiefer und wird zum Bettler. Seine beiden intelligenten und sehr hübschen Töchter, Augenbraue und deren Schwester, finden Arbeit in einer Stofftierchen-Fabrik; bei einem Brand derselben kommt die Schwester um und Augenbraue wird durch Brandnarben völlig entstellt. Der unglückliche Nase wirft sich unter ein Auto, wird aber im Privatspital aufgepäppelt. Das Spital stellt horrende Rechnung, die der enteignete Säufer nicht bezahlen kann. Die Schulkameraden Renner, Leber, Backe und Hand besuchen Nase im Spital und wollen Geld spenden. Da tritt plötzlich die wegen Verunstaltung verschleierte Augenbraue auf und sagt, sie übernehme die Spitalrechnung des Vaters.

Später beginnt der Leser zu verstehen, wie Augenbraue Geld verdient: Unter dem Deckmantel einer Froschzucht gibt es ein Institut, das illegale («schwarze») Kinder «liefert». Familienväter, die keinen Stammhalter haben, können dort ihren Samen abgeben; damit werden dann «genetisch hochwertige» Frauen (sogenannte «Leihmütter», also z.B. Augenbraue) besamt. Mit Preisaufschlag stellt die Firma auch nicht entstellte Frauen zur Verfügung, bei denen der Samenspender eine natürliche Besamung durchführen kann. 

Shizi bekommt Kenntnis von dieser mysteriösen Froschzucht. Weil ihr Kinderwunsch so ungeheuer gross ist, gewinnt sie in einer Art BDSM-Aktion Samen von Renner. Dieser ist verblüfft und ahnt nicht, um was es geht. Der Leser staunt über seine Naivität. Augenbraue wird «Leihmutter» für Renners Stammhalter. Während das Kind in ihrem Bauch wächst, entwickelt sich bei Shizi eine «Scheinschwangerschaft», gespielt oder neurotisch geht aus dem Text nicht hervor. Jedenfalls geht Shizi, während Gugu bei Augenbraue Hebammendienst leistet, in die Froschzucht und kommt mit Renners Stammhalter in den Armen nach Hause, als wäre es ihr Kind. Sie bekommt wenig später sogar Milcheinschuss.

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Das fünfte Buch enthält, wie erwähnt, nur noch das Theaterstück «Frösche»

1.Aufzug: Die vermummte Augenbraue kommt zum Eingang des Chinesisch-amerikanischen Frauenspitals. Sie schaut sich in der Vitrine Fotos von Säuglingen, die hier geboren wurden. Sie sucht ihr Kind. Ein Wachtmann fordert sie auf, weiter zu gehen. Sie aber beginnt in ihrer Verzweiflung den Wachmann zu beschimpfen, der schliesslich mit Polizei droht. Augenbraue, die sich im Recht fühlt, sagt, ja, auch sie wünsche die Hilfe der Polizei. Der Wachtmeister weist ihr den Weg zum Polizeiposten.

2. Aufzug: In Gugus und Haos Haushof. Qin Stro und Grosse Hand streiten. Essenziell ist die letzte Regieanweisung dieses Bildes:

«Grosse Hand und Strom, der wieder bei Bewusstsein ist, schützen Gugu vor der Flut angreifender Frösche und dem grünen Kind und geleiten sie von der Bühne. Das Grüne Kind mit dem Lätzchen und die Frösche folgen ihnen.»

3. Aufzug: Auf dem Polizeirevier: Augenbraue gibt zu Protokoll, was man ihr angetan hat. Sie verlangt Bao Qingtian als Richter.

4.Aufzug: In Gugus und Haos Haushof. Kaulquappe tritt auf. Wieder streiten Strom und grosse Hand. Kaulquappe ist gekommen, um Gugu das Theaterstück «Frösche» vorzulesen. Gugu tritt auf, nimmt das Manuskript und schmeisst die Blätter auf den Boden, dass sie durcheinander wirbeln. Sie ist offensichtlich geistesgestört und von Frosch-Halluzinantionen verfolgt. Das Grüne Kind tritt auf, begleitet von behinderten Fröschen, und schreit wiederholt: «Wir kommen die Schulden eintreiben.» Zum Schluss der Szene erklärt Kaulquappe Gugu, sie brauche sich kein Gewissen zu machen, sie habe doch nichts Böses gewollt. Er gibt Gugu eine Einladungskarte zur Monatsfeier des Goldkindes, das ist Renners Sohn, der Sohn von Kaulquappe.

5.Aufzug: Nase hockt an den Niangniang-Tempel gelehnt, neben ihm liegt sein Hund.

Nases Tochter Augenbraue tritt schwarz verhüllt auf. Sie sagt, von den durch das Brandunglück entstellen Mädchen hätten sich schon fünf umgebracht, nachdem sie sich im Spiegel betrachtet hatten.

S.455: «Seit ich schwanger war, seit ich spürte, dass da ein kleines Wesen in meinem Bauch rumorte, seit diesem Augenblick wollte ich leben und nicht sterben. Ich fühlte mich wie eine hässliche Hülle aus der ein hübsches Leben schlüpfen solllte. Danach würde ich als leere Puppenhülse zurückbleiben. (...) Als ich geboren hatte, war ich wider Erwarten keine leere Puppe geblieben und nicht von selbst langsam abgestorben. (...) Ich bin saftig geworden wie ein Pfirsich (...) Meine Brüste laufen von Milch über. Die Schwangerschaft hat mir ein neues Leben geschenkt. Aber sie haben mir mein Kind weggenommen.»

6.Aufzug: Die Monatsfeier für das Goldkind: Fast alle sind zugegen und zusätzlich ein TV-Team eines Lokalsenders. Mittelpunkt ist natürlich Gugu. Die Reporterin fragt Gugu:

S.465:

TV-Reporterin: «Denken Sie, dass der Grund, warumLehrer Kaulquappe und seine Frau so spät noch ein Kind bekamen, ihre besonders guten Gene sind?

Gugu: Natürlich. Die Gene der beiden sind ausgezeichnet.

Die Lügerei geht also weiter, muss weiter gehen.Der ganze Aufzug: Eine Lügerei!

Zwischendurch die Frage, die kommen musste:

S. 467:

Li Hand: [Ist denn mehr Nachwuchs nicht etwas Gutes] ... es kurbelt die Konjunktur an, weil die Binnenachfrage steigt?

Yuan Backe: Halt den Mund! Wenn das gesendet wird, dann nimmt man dich noch fest.

Auf S.472 dann der Eclat: Chen Nase platzt herein:

Nase: «Es ist doch ziemlich unverschämt, die Monatsfeier des kleinen Söhnchens zu begehen und nicht mal dessen Opa mütterlicherseits einzuladen und ihm einen Schnaps anzubieten!

Während die meisten Gäste Nases Anklagen für Geplapper eines Betrunkenen halten, kommt die vermummte Augenbraue herein, nimmt das Kind an sich und rennt davon. Alle hinterher. Vorhang.

7.Aufzug: Mit moderner Bühnentechnikt (eingeblendete Filmszenen, Geräuschkulissen über Lautsprecher) wird Augenbraues Flucht mit dem Baby in den Armen dargestellt.

8. Aufzug: In einer Halle wird die Oper Gao Mengjiu (in China vermutlich bekannt wie bei uns z.B die Zauberflöte) verfilmt. Der Regisseur hat eben «Klappe» angeordnet, da platzen unversehens die gejagte Augenbraue und die Jagenden herein. Zufällig wird vor der Kamera gerade eine Gerichtszene der Oper gespielt, bei welcher der Auftritt der Streitparteien vor dem Richter Gao angesagt ist. Der Regisseur ist bass erstaunt, dass plötzlich echte Streitparteien da stehen. Yuan Backe (der Geschäftsleiter der Froschenzucht) verständigt sich schnell flüsternd mit dem Regisseur und man versteht Backes Worte; «Unsere Firma unterstützt die Dreharbeiten mit zehntausend Yuan» (dass Backe den Familiennamen Yuan hat, ist wohl kein Zufall; es ist, wie wenn ein amerikanischer Autor einen Protagonisten Mr. Dollar nennen würde)

Der Filmschauspieler, der allerdings Augenbraue noch darauf aufmerksam macht, dass er nicht Bao, sondern Gao heisse, spielt also auf Geheiss des Regisseurs den Richter zwischen Augenbraue und Shizi. Und wie im Theaterstück «Der Kreidekreis» von Li Xingdao (jedem Chinesen bekannter Literaturklassiker aus dem 13. Jahrhundert) wird jener Frau die Mutterschaft zugesprochen, die beim Kampf um das Kind lieber auf dieses verzichtet, als ihm wehzutun; in den Urfassungen (wie auch bei König Salamo) ist das die biologische Mutter, bei Brecht und Kaulquappe aber eben gerade nicht; bei ihnen ist es die Ziehmutter (Shizi, die das Kind schon gestillt hat), die wahrhaft mütterliche Gefühle für das Kind hat (in Übereinstimmung mit der Biologie, die gezeigt hat, dass bei Säugetieren der Mutterinstinkt vom Stillen bzw. der Oxytocinausschüttung abhängt).

Nachdem also das Kind also Shizi zugesprochen wird, spricht Li Hand die letzten Worte der Szene tröstend zum frustrierten Chen Nase:

S. 488: «Ich habe mit Backe und Kaulquappe schon alles abgesprochen, sie werden Augenbraue mit hunderttausend Yuan entschädigen.»

8. Aufzug: In Gugus Haushof. Grosse Hand und Strom kneten Tonpuppen. In einer andern Ecke knetet (!) Kaulquappe sein Manuskript und zitiert daraus.

S. 490:

Gugu: Was du gerade gelesen hast, habe ich das gesagt?
Kaulquappe: Die Figur Gugu im Theaterstück hat das gesagt.
Gugu: Bin ich die Gugu in deinem Stück? Oder bin ich es nicht?
Kaulquappe: Eigentlich bist du es schon, aber im Grunde auch wieder nicht.
Gugu: Was du da sagst, musst du mir schon genauer erklären. So versteh ich das nicht.

Kaulquappe: Das ist ein ganz verbreitetes Muster des künstlerischen Schaffensprozesses. Eigentlich der gleiche Vorgang wie das, was beim Formen der Niwawa-Tonkinder bei den beiden passiert.

Gugu leidet weiterhin an Reue und Gewissensbissen wegen ihrer Vergangenheit, jetzt aber auch noch wegen der Lüge betreffend Shizis Mutterschaft. Kaulquappe versucht zum x-ten Mal, Gugu von ihrer Unschuld zu überzeugen.

(S491)Kaulquappe: (...) Wie wir es auch drehen und wenden, Augenbraue ist geisteskrank (...) Wenn die Mutter nervenkrank ist (...), entspricht es dem Gesetz, dass der Vater das Kind grosszieht.»

Gugu: Vielleicht wäre sie jetzt gesund, wenn wir ihr das Kind gegeben hätten. (...) Das ist bei mir keine Krankheit. Die Zeit der Vergeltung ist angebrochen. Der Dämon, der meine Schulden eintreiben will, steht mit geöffnetem Säckel an meinem Bett. Jede Nacht kommt er, blutüberströmt und brüllt zum Erbarmen. Er kommt zusammen mit schwerbehinderten Fröschen ...

Kaulquappe versucht immer wieder, Gugu die Schuldgefühle auszureden. Sie aber stellt die rethorische Frage (S.493): «Bin ich wirklich keine Sünderin?»

Und dann, weiter unten sagt sie (S.494):

«Ein Mensch. Der Schuld auf sich geladen hat, sollte das recht haben, in den Tod zu gehen. Er wird zu einem Leben gezwungen, das nur noch Qual ist (...) Er muss durchhalten, seine Schuld sühnen, damit er, wenn er sie gesühnt hat, erleichtert sterben darf.»

Gugu erhängt sich, wird aber rechtzeitig von Kaulquappe gerettet, der den Strick mit seinem Messer durchtrennt. Sie steht auf und meint tot oder wiedergeboren zu sein. Dann fragt sie «Hat Kleiner Löwe jetzt Milch?» Kaulquappe antwortet «Mehr als genug (...) Wie ein Springbrunnen.»

Damit endet das Theaterstück und damit auch der Roman.