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Léon und Louise

Von Alex Capus


FÜNF VON FÜNF STERNEN:

Das Buch erzählt eine sehr einfache Liebesgeschichte und ist dennoch höchst lesenswert, spannend, voll Witz, voll Ideen und Stimmungen. Alex Capus stellt uns viele liebenswerte Personen vor. Einzig der SS-Offizier Knochen erinnert daran, dass es auch perfide, böse Menschen gibt. Der Roman gaukelt aber keineswegs eine heile Welt vor. Das Grauen des Gaskrieges, das sinnlose Töten und Zerstören und der dadurch sich aufstauende Völkerhass werden nicht verschwiegen, aber zum Glück nie mit Lust am Horror beschrieben, ganz nach der Weisung von Madame Josianne (S. 56):

«Ihr jungen Leute solltet das nicht sehen.»

DIE GESCHICHTE:

Der Autor erzählt das Leben seines Grossvaters Léon Le Galls, geboren 1901 in Cherbourg als Sohn eines Lateinlehrers, gestorben 1986 in Paris. Siebzehnjährig verweigert er den weiteren Besuch des Gymnasiums und nimmt eine Stelle an als Fernmeldetechniker in St.-Luc-sur-Marne, einem fiktiven Ort im Landesinnern an der Marne, den man sich in der Gegend nordwestlich von Reims denken kann, also irgendwo zwischen Paris und Belgien. Léon macht sich mit dem Velo auf den Weg. Bevor er in St.-Luc-sur-Marne ankommt, wird er von einer gleichaltrigen Velofahrerin überholt. Ein Blick genügt, dass er sich in das vorüber flitzende Mädchen verliebt. Erst einige Tage später lernt er sie kennen: Er trinkt im Bistro Kaffee und da kommt sie herein, um Zigaretten zu kaufen. Er spricht sie an und es gelingt ihm, sich anzufreunden.

An Pfingsten 1918 unternehmen die beiden eine zweitägige Velotour ans Meer nach Tréport und werden ein Liebespaar. Doch auf der Rückfahrt geraten sie in die deutsch-französische Kriegsfront, die sich seit der Hinfahrt verschoben hat. Léon bangt um Louise und schickt sie voraus. Beide werden schwer verletzt, verlieren einander aus den Augen und verbringen Monate in verschiedenen Lazaretten.

Als Léon endlich nach St.-Luc-sur-Marne zurück kommt, ist seine Arbeitsstelle vergeben, weil man ihn für gefallen gehalten hat. Auch Louise gilt als gefallen. Leon findet in Paris Arbeit in einem forensischen Labor zur Analyse von Giften. Einige Jahre später heiratet er Yvonne, führt ein gutbürgerliches Leben und bekommt mehrere Kinder. Louise aber ist in seinem Kopf immer gegenwärtig. – Und da! Eines Tages sieht er, während er auf einer Metrostation steht, im Zug auf dem Geleise der Gegenrichtung Louise. Er winkt aufgeregt. Sie winkt zurück und der Zug fährt ab. Alles Suchen ist erfolglos. Schliesslich fährt der Umgetriebene nach Tréport, wo alles begonnen hat, und hinterlässt eine Nachricht. So findet er seine Geliebte wieder. All seine Unternehmungen verbirgt er keineswegs von Yvonne. Diese hat erkannt, dass Léon unheilbar an seine Jugendliebe denkt; sie ist klug genug, ihn dabei zu unterstützen, sich mit Louise zu verabreden. Beide, Yvonne und Léon, wissen, dass sein bürgerliches Familienleben etwas nicht aufs Spiel gesetzt werden darf, dass aber andererseits die Sehnsucht nach der Jugendfreundin nur noch stärker würde, wenn er versuchte, sie zu unterdrücken. Louise ihrerseits will auf keinen Fall Léons Familienleben zerstören.

Louise ist Sekretärin in der Banque de France. Bei Ausbruch des 2.Weltkriegs wird sie beauftragt, eine Gruppe zu begleiten, welche die Goldreserven nach USA in Sicherheit bringen soll. Das Gold landet aber in Afrika, weil eine Überfahrt wegen deutscher U-Boote zu gefährlich wäre. So verbringt Louise die vier Kriegsjahre in Afrika, schreibt aber drei Mal einen Brief an Léon.

Léon macht zum Teil grauenhafte, zum Teil aber auch gute Erfahrungen mit den Deutschen, die Paris besetzen. Ein Kollege, der sich offenbar in der Résistance betätigt, muss aus Paris flüchten. Léon versorgt ihn mit Geld, damit er flüchten kann. Der Kollege drängt ihm als Gegenleistung sein bewohnbares Seineschiff Miel de Fleure auf.

Nach dem Krieg meldet sich Louise – wiederum ganz ohne Geheimnistuerei – bei Léon. Sie treffen einander jetzt regelmässig auf Léons Boot. Léons Kinder fliegen nach und nach aus. Yvonne leidet an Essstörung und wird sehr übergewichtig. Schliesslich wird sie krank und stirbt. Léon bindet das Schiff los und schifft mit Louise die Seine hinunter zum Ozean.

KRITISCHE ANMERKUNGEN (Seitenzahlen beziehen sich auf die Hanser-Ausgabe 2011) :

Was Capus' Schreibstil so originell und unterhaltend macht, ist der Verzicht, Schlüsselszenen rundheraus zu erzählen. Léons Liebeserklärung geschieht nicht in einem melodramatischen Dialog, was ja auch ganz und gar nicht einem siebzehn jährigen Jüngling entsprechen würde, sondern über die Vermittlung der Madonna von Tréport: Bei einem gemeinsamen Besuch der Kirche erklärt Léon seiner Freundin, die kleinen Zettelchen am Gewand der Madonna seinen Bitten von Seemannsfrauen um glückliche Heimkehr ihrer Männer. Léon heftet dann selbst ein Zettelchen an die Marienfigur, gibt es aber Louise nicht zu lesen. Als sie am Kiesstrand Miesmuscheln kochen, sagt Louise, sie wolle beim Bäcker noch einen Dessert besorgen. Mit diesem Vorwand geht sie ins Städtchen und besucht dort nicht nur die Confiserie, sondern auch die Madonna. Sie kommt mit zwei Eclairs au Chocolat zurück, nimm Léon an der Nase und fragt (S.74):

«Stimmt das, was auf dem Zettel steht?»
«Ganz sicher. Auf immer und ewig.»
Léon befreite seine Nase aus Louises Griff, drehte sich um, schaute ihr in die grünen Augen, die im Lichte des Feuers leuchteten. Und dann küssten sie sich.

Ebenso gelingt es Capus, eine Liebesnacht der erwachsenen Protagonisten, die bei manch anderem Autor (Autorin) wohl deftig (um nicht zu sagen: pornografisch) ausgefallen wäre, mit wohltuendem Feingefühl und Diskretion zu beschreiben. Der Trick ist wieder ähnlich wie bei Léons Liebeserklärun: Das eigentliche Geschehen wird übersprungen. Man kann es aber dem Gespräch entnehmen, das die beiden auf der Heimfahrt im Auto führen (S.147f):

«Schau», sagte Léon, «es ist genau Halbmond. Weisst du, was das bedeutet?»
«Was?»
«Das bedeutet, dass der Mond sich in diesem Augenblick an genau der Stelle im Sonnensystem befindet, an der wir uns vor vier Stunden befunden haben.»
«Was?»
«Der Planet Erde befand sich vor knapp vier Stunden an dem Ort, an dem sich jetzt der Mond befindet..»
«Wir waren vor vier Stunden dort oben?»
«Exakt dort oben ...» - Léon warf einen Blick auf seine Armbanduhr - «... habe ich dir vor vier Stunden den letzten Knopf deiner Bluse abgerissen.»
Eine Weile fuhren sie schweigend durch doie Nacht und betrachteten durch die Windschutzscheibe den Mond.
«Unterdessen ist er ein bisschen weiter vorgerückt», sagte er. «Jetzt ist er an der Stelle, an der ich deinen Schlüpfer ...»
«Lass meinen Schlüpfer in Frieden», unterbrach sie ihn.

Léon gibt seiner Geliebten die Angabe, die Erde habe einen Abstand von 384'000 km vom Mond und rase mit 100'000/Std um die Sonne. Und dann sagt er:

«Das bedeutet, dass wir vor knapp vier Stunden dort waren und dass der Mond in vier Stunden hier sein wird.»
«Vier Stunden?», sagte Louise. «Warte, lass mich nachrechnen.» Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute in den Himmel, während der Torpedo friedlich tuckernd durch die Nacht glitt. Nach einer Weile sagte sie: Tatsächlich. Drei Stunden, zweiundfünfzig Minuten und ein paar Sekunden. Bei zu- oder abnehmendem Mond?»
Léon lachte überrascht auf, dann drückte er ratlos das Kinn (...)

An dieser Stelle ist Folgendes interessant:

Der schnelle (flüchtige) Leser denkt: Na ja, Louise wollte sich im Kopfrechnen üben: Denn offensichtlich führen Léons Angaben zu 384'000/100'000 =3.84 Stunden; und weil 6x84=504 ergibt, sind 0.84 Std. = 50.4 Min. Also könnte die Tippmamsell die «knapp vier Stunden» mit einfacher Kopfrechnung auf 3 h 50 min 24 sec präzisieren. Sie spricht aber von 3h 52min und einigen Sekunden. Vielleicht hat Louise nicht einen Rechnungsfehler gemacht, sondern die Zahl 3 h 52 min irgendwo in einem Astronomieheft gelesen. Das wäre erstaunlich, weil sich Frauen eher weniger für Astronomie und Zahlen interessieren als Männer. Aber vielleicht ist das ein Vorurteil. Darum rechnen wir die Zeit t einmal mit exakteren Zahlen aus:

r=Mond-Erde =384.400 km;
R=Sonne-Erde=149.600.000 km;
t= 365x24 /(2pR/r) = 3.58 = 3h 34min 48sec

Bei Berücksichtigung der genauen Umlaufzeit (Schaltjahre!), der genaueren Distanzen und der elliptischen Umlaufbahn könnte dieser Wert noch etwas anders herauskommen, aber nicht um eine Viertelstunde. Meine Frau machte den Vorschlag, Louise habe ihr t gar nicht nach astronomischen Kriterien ermittelt; vielmehr sei ihr die «Schlüpferzeit» im Gedächtnis geblieben, und diese von der aktuellen Zeit subtrahiert habe die 3h 52min ergeben.

Wie dem auch sei: Es bleibt Louises Frage «Bei zu- oder abnehmendem Mond?».

Sowohl Sonne als auch Mond bewegen sich gegenüber dem Fixsternenhimmel «gegenläufig». Daraus ergibt sich die rechts gezeigte Abbildung. Aus ihr entnehmen wir die richtige Antwort: Der Mond muss zunehmend sein, damit Léons Behauptung zutrifft, sie hätten sich, von der Sonne aus gesehen, dort oben geliebt, wo sich jetzt der Mond befinde.

Wahrhaftig ein wunderbarer, schöner, metaphorisch hinreissender Gedanke:
Die Sonne schaut zu, wenn sich zwei Menschen lieben. Sie merkt sich die Stelle und sieht, wie der bleiche, kühle, schwache Mond sich nachdrängt, denselben Platz einzunehmen.
Erde-Sonne-Mond.jpg

Die Faszination der Capus-Texte hat seinen Grund in der virtuosen Fülle treffender Beschreibungen und Metapher. Der Autors scheint eine überfliessende Vorstellungskraft und einen unerschöpflichen Bilderreichtum zu besitzen. Allerdings liegt darin auch eine Gefahr, nämlich des Guten zu viel zu bieten:

(S.129) Er schaute über den Kieselstrand, auf dem algenbesetzt und verblätternd die einstmals weissen Badehäuschen vermoderten.

(S. 279) Wenn er den Mund aufmacht, prahlt er mit den Brüsten seiner Gattin, die ihn irgendwo in Nizza erwartet, quatscht über Milan und Juventus sowie Bugatti, Ferrari und Maserati, und zwischendurch flucht er, dass ihm der Staat verdammt nochmal das Kreuz der Ehrenlegion und eine lebenslange Rente schulde und er sich von dem Geld ein Boot an der Riviera kaufen und jeden Tag hinaus aufs Meer zum Fischen fahren werde.

Solche Sätze sind zwar bewundernswert und mögen dem einen oder andern Leser gefallen. Auf mich aber wirkten sie doch überladen oder zumindest etwas allzu dicht verpackt. Müssen fünf Oldtimer aufgeführt werden? Täten es drei nicht auch? Auch Louises manchmal allzu burschikose Rendensweise bereiteten mir Mühe, Léons Verliebtheit nachzufühlen, zum Beispiel im Café du Commerce von Tréport:

(S.77) «Oh, wir sind in schlechte Gesellschaft geraten.» Louise deutete mit dem Croissant zum Tresen. 
«Schau dir die Blödmänner an.»
«Die Blödmänner können dich hören.»
«Das macht nichts. Ja lauter wir sprechen, desto weniger können sie glauben, dass wir über sie reden. Typische Pariser Blödmänner sind das. Kleine Paroset Blödmänner erster Güte, alle vier.»


Ich an Léons Stelle hätte Mühe gehabt, mich in ein Mädchen mit so starken Vorurteilen zu verlieben, auch wenn Teenagern ein gewisses Mass an Vorurteilen zugestanden werden muss.

Gelegentlich begegnet man Bildern, die nicht unbedingt passen. Wenn sie dann noch in übertrieben zahlreichen Variationen vorgebracht werden, können sie auch mal befremdend wirken, zum Beispiel bei der Beschreibung der über Nacht lautlos vollzogenen Besetzung von Paris durch  Deutschen Truppen im Jahr 1940:

(S.172)  Im Morgengrauen waren die Deutschen einfach da gewesen wie ein alljährliches Ereignis, wie die Schwalben etwa, die im Mai aus Afrika einfliegen, oder wie der Beaujolais Nouveau, mit dem die Wirte im Herbst die Touristen übers Ohr hauen, oder wie der neue Roman von Georges Simenon.

Etwas inkohärent wirkt der Vergleich des Brotes mit Sägemehlpappe, wenn man sich Léon mit zwei Bagettes unter dem Arm vorstellt, da doch Bagette im deutschen Sprachraum fast Synonym ist zu knusprigem Weissbrot: 

(S. 171 Léon:) «Wir fressen Sägemehlpappe, die man kaum als Brot bezeichnen kann. (...)»
«Sie sind überall»
, flüsterte Léon zu Yvonne, als er mit zwei Baguettes zurückkehrte (S.173).


Auch der dümmliche wirkende Vergleich, den Louise in einem Brief verwendet, um eine afrikanische Schmalspurbahn zu beschreiben, wirkt deplaziert, vor allem aus der Feder einer Frau (auch wenn man sich bis dahin an ihre Burschikosität gewöhnt hat): 

(S. 272) Unser Wagen sieht aus wie bei Micky Maus und die Lokomotive wurde wahrscheinlich von Pfadfindern gebaut, und überhaupt ist die Bahn eine Schmalspurbahn, und Schmalspurbahnen sind nun mal wie Männer mit kleinen Penissen: Es fällt schwer, sie richtig ernst zu nehmen. Man kann sich hundertmal selbst ermahnen, dass es auf die Länge und Breite nicht ankommt und die wirklich wichtigen Qualitäten keine Frage des Metermasses sind - es kommt eben doch darauf an, schon alleine wegen des Aussehens.


GENERELLE KRITIK
D
ie Geschicht wird sehr auktorial erzählt. Diese Schreibweise eignet sich gut für Liebesgeschichten, aber nicht für Geschichten, in denen die erzählende Person mit eine Rolle spielt. Auktoriales Schreiben wird dann gleichsam zu einem Widerspruch ins sich selbst.

Ich denke, die Geschichte von Léon und Louise hätte nicht als Biografie des eigenen Grossvaters präsentiert werden sollen. Das hätte besser zur  auktorialen Schreibweisse gepasst. Es wäre dann ein ein Leichtes gewesen, zum Beispiel in der Siemens-Tischlampe, die der SS-Offizier Knochen Léon aufzwingt, eine Wanze zu verstecken (was ich beim Lesen stets erwartet habe!) und die Resistance-Dramatik weiter zu entwickeln. Im Gegenszug hätte Capus auf die für Aussenstehende eher uninteressante Aufzählung biografischer Einzelheiten von andern Familienmitgliedern gegen Ende des Buches verzichten können. Auch wäre dann ein etwas überraschendere Schlusspointe denkbar gewesen.